Warum? – ZDF-Dokumentation zum Bundeswehreinsatz in Mali

Was machen wir eigentlich hier? – Gute Frage.

Vor wenigen Tagen haben mir die Autoren und Filmemacher Daniel Moj* und Jörg Stolpe geschrieben. Sie haben eine Dokumentation für die ZDF-Sendereihe 37 Grad gedreht und mir angeboten, noch vor der Ausstrahlung erste Ausschnitte des fertigen Film zu sehen. Ichhabe das Angebot gerne angenommen und nicht nur einen Einblick in ihre Arbeit, sondern vor allem in die Arbeit deutscher Soldaten in Mali bekommen. Einen Einblick übrigens, den die Öffentlichkeitsarbeit des Verteidigungsministeriums bislang nicht geben konnte oder wollte – schließlich nutzte man den Einsatz in der Wüste lieber als Übungsplatz und Projektionsfläche für die Nachwuchswerbung. Das ist mit Webserie und Mali-Bot sogar ganz gut gelungen, bis der Absturz eines Kampfhubschraubers und der Tod der Besatzung die Inszenierung störten. Diese, die Erzählung störenden Opfer, wurden am Rande erwähnt und dann durch einen Zeitsprung der Webserie aus dem Drehbuch geschrieben. Ganz so, wie es Hollywood macht, wenn Seriendarsteller während der Dreharbeiten sterben.

Derart tragische Ereignisse sind während der Dreharbeiten von Moj und Stolpe glücklicherweise ausgeblieben, als sie mehr als ein Jahr lang einen jungen Offizier der Gebirgsjägertruppe begleiteten, der als Zugführer mit 41 Mann nach Mali geschickt wurde. Entstanden ist ein bemerkenswert leiser Film, der außerdem – man muss sagen: endlich – auf einem Sendeplatz laufen wird, der ein größeres Publikum erreicht, als für Dokumentationen über die Bundeswehr üblich. Die werden nämlich in der Regel in der Mitternachtschiene versendet. Die Begründung dafür lautet in der Regel, dass es an Interesse beim Publikum mangeln würde, was wiederum die schlechten Quoten der Spätausstrahlungen bestätigen. Jetzt scheint das ZDF der Mut gepackt zu haben, denn das ungeliebte Thema Bundeswehr auf den Sendeplatz von 37 Grad zu heben, kann durchaus zu kontroversen Diskussionen führen. Schließlich zeigt der Sender dort vor allem Geschichten, bei denen es in alle Richtungen menschelt. Das tut es auch bei „Einsatz im Wüstensand – Ein Soldat auf Friedensmission“, und zwar gewaltig.

Mit Matthias Lehna lernen wir einen jungen Mann kennen, der so gar nicht den Klischees entspricht, die das Ministerium so gerne in der Nachwuchswerbung zeigt. Er stellt sich nicht nur die Frage nach dem Sinn, sondern spricht sie auch aus. Lehna ist nachdenklich. Er zweifelt, und er teilt diese Zweifel mit seinen Männern. Das macht ihn glaubwürdig, und als Zuschauer verstehen wir auf einmal besser, warum Soldaten und Soldatinnen bereit sind, zu dienen. Den Sinn des Einsatzes – an dem man zweifeln kann, ja muss – verkörpert in der Dokumentation Lehnas Frau. Sie, die angehende Juristin, ist schwanger als er in den Einsatz geht. Wir erfahren wenig darüber, wie sie die Zeit ohne ihn meistert. Aber ihre wenigen klugen Worte, geben nicht nur ihm sondern dem ganzen Film zusätzlichen Halt.

In diesem Sinne: Einschalten lohnt sich, am Dienstag, den 26. Juni 2018 um 22:15 im  ZDF.

* Daniel Moj ist mein Freund. Wir haben gemeinsam ab 2000 den ersten Einsatzkameratrupp der Bundeswehr aufgebaut. Meine Bewertung ist also nicht objektiv. Der Film ist trotzdem klasse 🙂

Über Anerkennung

Die kontroverse Diskussion um die re:publica und die Bundeswehr lässt mich nicht los. Angeregt durch einen Freund, habe ich auf Facebook einen Kommentar geschrieben, den ich auch hier veröffentliche. Mehr so als Tagebuch für mich, aber es mag vielleicht auch den ein oder anderen interessieren.

Schauen wir doch mal aus der Perspektive einer Soldatin oder eines Soldaten darauf, welche Anerkennung ihr oder ihm generell in der Gesellschaft zu Teil wird. Und prüfen wir mal, in wessen Verantwortung und Möglichkeit – außer uns allen – es vor allem liegt, diese zu fördern. Mir fallen dann als allerstes die Politik und das für die Bundeswehr verantwortliche Ministerium ein. Beim Blick auf die vergangenen knapp 20 Jahre – wir nehmen mal das Jahr 2001 mit dem Terorrangriff in New York als Zeitenwende und die nachfolgenden Einsätze der Bundeswehr als Zäsur – haben diese beiden Akteure eine Geschichte des dramatischen Versagens geschrieben.
 
Am deutlichsten wird das vermutlich an den Männern und Frauen, die schwer traumatisiert aus den Einsätzen zurück kamen, in die die Politik sie geschickt hat. Nicht nur, dass die Kriege aus denen sie kamen lange Jahre nicht Kriege genannt werden durften. Nein, mehr noch, für viele Jahre und selbst heute kämpfen viele von ihnen mindestens drei Kämpfe: gegen ihre Erinnerungen, gegen die Bundeswehrverwaltung um die Anerkennung ihrer seelischen Verwundung und die damit verbundene medizinische und materielle Versorgung sowie um die ideelle Anerkennung der Bevölkerung.
 
Ja, die Lage hat sich verbessert, aber sie ist lange noch nicht so, wie sie sein müsste, und immer noch geben viele diesen Kampf, der ein Kampf um ihr Leben ist für immer auf. (Wer dazu mehr wissen will, kann unter anderem Johannes Clair und Björn Schreiber befragen).
Ein Ausdruck dieser Ignoranz, nein, dieses absoluten Versagens der politischen Führung lieferte der Kommunikationschef des Verteidigungsministeriums, Jens Flosdorff, vor zwei Jahren. Auf die Frage, wann denn nun das seit fast einem Jahrzehnt versprochene Veteranenkonzept der Bundeswehr endlich verfasst und umgesetzt würde, antwortete der sinngemäß, dass dieses ja bloß eine Maßnahme zur Öffentlichkeitsarbeit für Reservisten und daher nicht dringlich sei.
 
Diese und ähnliche Aussagen kann man sich dann noch mit der Stellungnahme der Ministerin, dass die Bundeswehr ein grundsätzliches Haltungs- und Führungsproblem habe, zusammendenken (Ja, sie hat sich dafür nachträglich entschuldigt, aber der Stich ins Herz heilt halt nicht so leicht). So, und in diesem Klima ist es nun ausgerechnet eine nicht mehr ganz so kleine zivilgesellschaftliche Konferenz mit viel Herzblut unter anderem von Johnny Haeusler ins Leben gerufen, die als Punching-Ball für die fehlende Anerkennung unserer Soldatinnen und Soldaten herhalten soll? Are you fucking kidding me?

Über Kommunikation

Etwas unsortiert noch ein paar Gedanken zum Auftritt der Bundeswehr auf der re:publica (in der Bahn auf Smartphone geschrieben):

Kommunikation plant man unter zwei Prämissen.
1. Die Wirkung vom Ende her denken.
2. Die Wirkung danach definieren, was das (Ziel)Publikum fühlen, denken und tun soll.

Was hat die Bundeswehr gemessen daran erreicht? Wollte sie das erreichen? Und: darf sie das erreichen wollen?

Wenn sie wirklich an einem Dialog mit den Besucherinnen und Besuchern der re:publica interessiert gewesen wäre, hätte sie diese Linie auch trotz der Absage durchziehen müssen. Die re:publica will nicht, dass wir einen Stand aufbauen und in Uniform da rum springen? Ok, dann lassen wir das, ist ja deren Party inkl. Dresscode, aber interessant finden wir die schon, also gehen wir in zivil hin und überlegen uns etwas anderes, wie man erkennt, dass wir mit Auftrag da sind. Machen wir beim Peacekeeping schließlich auch. Leben in der Lage.

Die Demo vor der Station, vor allem aber die orchestrierte Medienkampagne, ist nicht dialogorientiert sondern auf Spaltung ausgerichtet. Das ist Kreisklasse: Wenn wir nicht mitspielen dürfen, treten wir ihnen wenigstens den Platz kaputt. Jeder, der auch nur ein bisschen etwas von Kommunikation versteht, muss wissen, dass er damit bei den Kritikern noch mehr Ablehnung auslöst und gleichzeitig die Binnensolidarität der Soldatinnen und Soldaten erhöht, inklusive der unflätigen Kommentare gegen „links-versiffte Gutmenschen.“

Wer jetzt sagt, das habe er weder geahnt noch gewollt, ist unterqualifiziert für seinen Job, denn genau das darf die Bundeswehr nicht wollen. So lustig ich das Motiv „Wir kämpfen auch dafür, dass Du gegen uns sein kannst“-Motiv nach dem Angriff auf den Showroom fand, so fehl am Platz ist er hier, denn es suggeriert, die Bundeswehr sei von der re:publica angegriffen worden. Wie dämlich ist das denn bitte?

Vier Fragen, die Du dir stellen solltest, wenn Du unbedingt in Uniform auf die re:publica gehen willst

Ich glaube, das ist mein erstes Listicle. Der Anlass ist die Diskussion darüber, warum die Bundeswehr nicht in bestimmter Form auf der Konferenz re:publica präsent sein darf. Möge es nutzen:

  1. Was ist der Sinn von Uniformen, insbesondere des Kampfanzugs, den die Soldaten vor der Station, dem Ort, an dem die re:publica stattfindet tragen?
  2. Wodurch zeichnet sich eine zivilgesellschaftliche Veranstaltung wie die re:publica aus?
  3. Auf welcher Konferenz in Deutschland treten regelmäßig Menschen aus Kriegsgebieten auf, teilweise traumatisiert?
  4. Welche Kleidung wäre für Soldaten auf einer solchen Konferenz angemessen, um Menschen möglichst wenig zu ängstigen?

Pubertärer Protest – die re:publica will nicht mit der Bundeswehr spielen

Nachdem die Bundeswehr im vergangenen Jahr noch ganz überrascht war, dass es die re:publica überhaupt gibt, wollte sie in diesem Jahr gut vorbereitet sein auf Deutschlands größte zivilgesellschaftliche Konferenz zum Leben in der digitalen Welt. Dumm nur, dass die Veranstalterinnen und Veranstalter sie nicht mitspielen lassen wollten. Warum, das lässt die Bundeswehr auf ihren Kanälen, die sie zur Propaganda nutzt, unerwähnt. Dort heißt es nur, den Soldaten sei der Zugang in Uniform verwehrt worden.

Die Version, die Johnny Haeusler, einer der Erfinder der re:publica erzählt, klingt etwas plausibler.Auf Twitter schreibt er:

Wir möchten keinen Rekrutierungsstand auf unserer Veranstaltung. Und Debatten mit verschiedenen Akteuren wollte die BW nicht.

Und wisst Ihr was, liebe Leserinnen und Leser: Angesichts des Auftritts, den die Truppe vor der Station hinlegt und der Art und Weise, wie sie auf den sozialen Medien darüber spricht, gibt sie den Macherinnen und Macher der re:publica im Nachhinein recht. Die Bundeswehr wollte eine zutieftst zivilgesellschaftliche Veranstaltung zur Abspielstation ihrer plumpe Nachwuchswerbung machen und heult nun rum, dass man sie dort nicht haben wollte.

Eine staatliche Institution, die sich wie ein beleidigter Pennäler aufführt, weil sie nicht mitspielen darf, weil sie sich nicht an die Spielregeln halten will, ist intellektuell in der Pubertät stecken geblieben. Wer auch immer das im Ministerium freigegeben hat, ob dessen Sprecher Jens Flossdorf oder der Verantwortliche für die Arbeitgebermarke der Bundeswehr, Dirk Feldhaus, oder jemand anderes – ihnen fehlt die sittliche Reife, die es in dieser Position braucht.

Und, liebe re.publica: Obwohl sich die Bundeswehr hier aufführt, wie die Axt im Wald – Ihr solltet wirklich überprüfen, von wem Ihr wofür Geld nehmt und einheitliche Maßstäbe anlegen, denn auf dem Spielplatz sieht es auch scheiße aus, wenn man immer nur dem reichen Kind, mit dem niemand spielen will, eine reinhaut.

Einhegung statt Identitätsstiftung – Die Misserfolgsgeschichte der Inneren Führung

Am 14. September war ich eingeladen, einen Beitrag zum 11. Kolloquium Innere Führung in Koblenz zu leisten. Einen ausführlichen Nachbericht zum Kolloquium hat der Veranstalter, die Karl-Theodor-Molinari-Stiftung, auf ihrer Webseite veröffentlicht. Im Anschluss an das Kolloquium habe ich die zentralen Gedanken meiner Rede für das von der Evangelischen Militärseelsorge herausgegeben Magazin „zur sache bw“ aufgeschrieben. Mein Ansatz war es, das Thema aus der Perspektive der Unternehmenskommunikation zu betrachten. Meine These ist, dass es trotz – oder vielleicht auch wegen – des allgemeinen Schulterklopfens für den Erfolg des Konzepts der Inneren Führung auch eine Misserfolgsgeschichte gibt. Die aber wird nicht erzählt, was wiederum das Konzept schwächt. Den vollständigen Text als PDF gibt es hier zum Nachlesen. Das gesamte Magazin steht unter dem Leitthema „Was den Laden zusammenhält“ und man kann es sich auf dessen Webseite herunterladen.  Wie immer gilt: Diskussion ausdrücklich erwünscht.

Werbung und Wirklichkeit

Die Personalwerbung der Bundeswehr ist überragend. Das sagen zumindest Expertinnen und Experten, die in den Jurys von Wettbewerben der Werbe- und Kommunikationsbranche sitzen. So vergab beispielsweise die Jury des Effie Award zum ersten Mal in der Geschichte des Preises einen Grand Effie an die Bundeswehr für die Kampagne Die Rekruten.

Auch bei den PR Report Awards entschied die Jury, dass die Kampagne preiswürdig sei und zeichnet sie in der Kategorie Employer Branding aus. Das freut natürlich auch die betreuende Werbeagentur Castenow.

An dieser Stelle müssen wir die Werbung kurz für eine Wirklichkeitspause unterbrechen, denn die Realität will sich den Fiktionalitäten des Bendlerblocks nicht so recht fügen. So ist nicht nur die Zahl der Bewerber für den freiwilligen Wehrdienst (FWDL) regelrecht eingebrochen, wie die dpa meldet. Nein, auch trotz eines leichten Anstiegs der Bewerberzahlen für eine Laufbahn der Zeitsoldaten, ist die Gesamtzahl der Bewerberinnen und Bewerber von 44.533 auf 43.512 gesunken. Bei den FWDLern bricht darüber hinaus jeder vierte die Ausbildung während der Probezeit ab.

Was die erfolgreichen Werber dazu sagen, werde ich mal versuchen, in Erfahrung zu bringen. Allerdings habe ich wenig Hoffnung dazu etwas substantielles zu erfahren. So antwortete beispielsweise der Sprecher des Verteidigungsminsteriums, Jens Flosdorff, im Jahr 2016 während einer Branchenveranstaltung, wie weit das Ministerium denn mit der Umsetzung des schon lange versprochenen Veteranenkonzepts sei, sinngemäß, dass dies ja nur eine Maßnahme der Öffentlichkeitsarbeit für Reservisten und daher nicht vordringlich sei. Kann man so sehen, aber da jeder Rekrut auch ein potentieller Veteran ist, ist es durchaus plausibel anzunehmen, dass sich junge Menschen auch darüber informieren, wie sich ihr zukünftiger Arbeitgeber verhält, wenn sie denn das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes mal wirklich unter Einsatz ihres Lebens verteidigen müssen. Oder um es mal im Branchenjargon zu sagen: Storytelling und Storydoing müssen zusammenpassen, sonst glaubt es nämlich niemand.

 

Antreten zum Nachsitzen – Vom Scheitern der Inneren Führung und ihren Perspektiven

Titelbild des Buches Innere Führung auf dem Prüfstand

„Die Führungskultur ist gut. Wir haben ein Problem mit der Durchdringung in der Truppe.“ Das sagte sinngemäß der Kommandeur des Zentrums Innere Führung der Bundeswehr, Generalmajor Reinhardt Zudrop, zur Eröffnung des 11. Kolloquiums Innere Führung am 14. September in Koblenz (Programm zum Herunterladen). Die Eröffnung war gleichsam das Fazit der Veranstaltung, die unter der Fragestellung „Innere Führung – Konfession oder Profession?“ stand. Doch genau in dieser Bewertung wird ein fundamentales Problem der Inneren Führung deutlich. Es kann nämlich nur eines stimmen. Entweder, die Führungskultur ist gut. Dann durchdringt sie die Truppe. Oder die Führungskultur durchdringt die Truppe nicht. Dann hat sie Defizite, die genauer zu betrachten sind.

Ausgangspunkt der aktuellen Debatten um die beiden Themen Innere Führung und Traditionsverständnis sind unter anderem Berichte über fragwürdige Ausbildungsmethoden und Misshandlungen – Stichworte: Pfullendorf und Sondershausen – sowie der Fall Franco A. Ein mutmaßlich krimineller Offizier hatte sich als Flüchtling registrieren lassen, versucht, sich illegal eine Waffe zu beschaffen, und darüber hinaus in an der französischen Offizierschule eine Abschlussarbeit eingereicht, die keine wissenschaftlichen Kriterien erfüllte, dafür aber völkische und anti-semitische Verschwörungstheorien nicht nur unkritisch darstellte, sondern diese als zutreffende Analyse einer umfassenden politischen Strategie westlicher Regierungen für wahr nahm.

Mit Blick auf die Innere Führung – das Thema Traditionserlass klammere ich hier bewusst aus – fällt auf, dass es bislang niemanden aus Politik und Militär gibt, der bereit wäre, das Konzept grundsätzlich zu hinterfragen. Im Gegenteil: Allen, die sich öffentlich äußern, gilt die Innere Führung als Erfolgsgeschichte, die es lediglich weiterzuentwickeln gelte. Gleichermaßen lesenswert wie historisierend hat diese Geschichte zuletzt Oberst Burkhardt Köster in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung weitergeschrieben. Bemerkenswertes Detail am Rande. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte Köster im Februar 2017 die Leitung des Referats Innere Führung im Verteidigungsministerium entzogen. Der Vorwurf: Er sei Hinweisen auf entwürdigende Ausbildungsmethoden zu zögerlich nachgegangen (Quelle: tagesschau.de).

Zögerlichkeit scheint mir auch der angemessene Begriff zu sein, um die Diskussion um die Innere Führung selbst zu charakterisieren. So hat von der Leyen zwar die Führungskräfte der Bundeswehr zum kollektiven Nachsitzen verdonnert, doch dessen Ergebnis scheint schon vorab festzustehen. Das wird exemplarisch an einem Bericht auf der Webseite des Ministeriums zu einer Impulsveranstaltung am 24. August 2017 deutlich, ebenfalls am Zentrum für Innere Führung in Koblenz. Dort heißt es unter anderem: „Gemeinsamer Tenor nach dem arbeits- und gesprächsintensiven Tag am Zentrum für Innere Führung in Koblenz: „Das Konzept der Inneren Führung sollte von der Bundeswehr behutsam weiterentwickelt werden, eine vollständige Neufassung ist aber nicht nötig.“ Es wäre mehr als überraschend, wenn in den weiteren geplanten Workshops ein anderes Fazit gezogen würde – und genau das ist ein Problem. Ein Problem, das in Aufbau und Teilnehmerkreis der Workshops angelegt – und meiner Einschätzung nach gewollt – ist.

Die Innere Führung ist jeher vor allem Gegenstand eines Elitendiskurses. Als Beruhigungspille für Politik und Gesellschaft sollte sie soldatische Identität nicht prägen, sondern eingrenzen. Der um das Konzept herum entwickelte Apparat von Dienststellen, Gremien und Dokumenten dient eher der Selbstbestätigung als der dringend notwendigen Weiterentwicklung. Die Partizipationsinszenierung durch das Ministerium passt perfekt zu dieser Programmatik. Wenn ich im Beisein der Ministerin Generäle und Admiräle auf ein Podium setze, muss ich schon sehr naiv sein, wenn ich ernsthaft erwarte, dass dabei mehr als komplette Affirmation herauskommt. Das ist – aus soldatischer Sicht – ein verpasste Chance, denn die Innere Führung hat durchaus das Potential zur Sinnstiftung beizutragen. Das aber nicht als auf die Führungskräfte beschränktes normatives Theoriegebäude, sondern als Handlungsprogramm auf allen Ebenen.

Ein wichtiger Impuls in diesem Sinne kommt – man muss es deutlich sagen – wieder einmal von Marcel Bohnert. Der Major i.G. hat sich in den vergangenen Jahren zum Ein-Mann-Kompetenzzentrum in Sachen kritischer sicherheitspolitischer Diskussionen aus soldatischer Perspektive entwickelt. Als Herausgeber hat er Publikationen initiiert, die der Gedankenwelt junger Soldatinnen und Soldaten sowie von Veteranen erstmals eine größere Sichtbarkeit verschafften. Dass einige der Äußerungen in der Öffentlichkeit und bei der Führung der Bundeswehr dabei – teilweise zurecht – Irritationen hervorriefen, war vermutlich Teil des Konzepts. Der Integrität von Bohnert tut dies keinen Abbruch. Kein Wunder, dass er nun, nach Abschluss seines Generalstabslehrgangs den Preis „Primus inter Pares‘‘ erhielt. Diesen verleiht die FüAkBw an denjenigen Lehrgangsteilnehmer, der in „Kameradschaft, persönlicher Integrität, ethischer Grundhaltung, beruflichem Selbstverständnis und Leistung für den Lehrgang‘‘ überzeugt hat. Das Besondere: Den Preisträger wählen die Lehrgangsteilnehmer selbst aus ihrer Mitte.

Parallel zum Abschluss seines Lehrgangs legt Bohnert publizistisch nach. „Innere Führung auf dem Prüfstand. Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr“ ist der Titel seines neuesten Buches. Darin untersucht Bohnert systematisch, ob sich das Konzept der Inneren Führung im Einsatz bewährt hat, welche Elemente dabei eine wesentliche Rolle gespielt haben und wo die Defizite liegen. Er stützt seine Analyse nicht nur auf eigenen Erfahrungen, sondern auf eine umfassende Erhebung unter Offizieren an der Führungsakademie der Bundeswehr. Bewährt hat sich das Konzept nach Auffassung der Befragten vor allem dort, wo es um das soldatische Miteinander geht. Das sind unter anderem die Bereich Menschenführung, Fürsorge und Motivation. Kritisch sehen die Befragten die Rolle der Inneren Führung insbesondere bei der Legitimation, der politischen Bildung und der Integration, also der Einbindung in die Gesellschaft. Das heißt aus meiner Sicht nichts anderes, als dass unter nach höchsten Standards ausgewählten Offizieren der Bundeswehr erhebliche Zweifel daran bestehen, ob das von der politischen Führung in höchsten Tönen gelobte Konzept der Inneren Führung genau dort gescheitert ist, wo es aus politischer und gesellschaftlicher Sicht, die meiste Wirksamkeit entfalten sollte.

Bohnert selbst ist in seinem Urteil nicht ganz so kritisch. Dennoch hofft er, dass sowohl das Verteidigungsministerium als auch die Bundeswehr die aktuelle Debatte um die Neuausrichtung nutzen, um auch das Konzept der Inneren Führung auf den Prüfstand zu stellen. Eines seiner Kernanliegen ist es dabei, die Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz nicht ungenutzt zu lassen. Diese sollten sowohl bei der militärischen Ausbildung als auch bei der Entwicklung einer soldatischen Identität eine zentrale Rolle spielen. Dazu gehören für Bohnert auch die Frage nach der Traditionsbildung als auch die Etablierung einer angemessenen Veteranenkultur.

Es scheint kein Zufall, dass die politische Führung diese Handlungsfelder in den Jahren seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes sträflich vernachlässigt hat. Weder gab es eine umfassende und transparente Analyse der Ziele und Ergebnisse des deutschen Afghanistans-Einsatzes, wie sie unter anderem Winfried Nachtwei schon lange fordert. Noch hat das Verteidigungsministerium das vor inzwischen sechs Jahren vom damaligen Minister Thomas de Maizière angekündigte Veteranenkonzept umgesetzt. Es passt ins Bild, dass auch die vor mehr als fünf Jahren durch den Generalinspekteur Volker Wieker angekündigte Überarbeitung des Traditionserlasses erst jetzt langsam beginnt.

Angesichts der Art und Weise wie sich das Ministerium unter Führung von Ursula von der Leyen derzeit dieser Themen annimmt, sind Zweifel angebracht, ob die dringend nötige Modernisierung der Bundeswehr nicht nur das Material sondern auch das Führungsverständnis mit einschließt. An Publikationen wie der von Marcel Bohnert wird aber deutlich, dass die Debatte über die Innere Führung auch selbst vorbildlich in Sinne dieser Führungsphilosophie geführt werden sollte. Entscheidend ist, dass die Truppe sich gegenüber den Inszenierungsstrategien des Ministeriums emanzipiert und vielfältige Stimmen in den öffentlichen Diskurs einbringt. Dem Primat der Politik zu folgen heißt nämlich nicht, unkritisch umzusetzen, was Ministerium und Regierung vorgeben. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Ihr Souverän sind die deutschen Wählerinnen und Wähler. Mit diesen sollten Soldatinnen und Soldaten als Staatsbürger darüber streiten, was sie voneinander erwarten.

Das Buch „Innere Führung auf dem Prüfstand. Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr“ ist im Deutschen Veteranen Verlag erschienen und bei Books on Demand oder Amazon erhältlich.

 

 

Fehlbesetzungen

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Ursula von der Leyen die falschen Generäle entlässt.

Vor fünf Jahren kündigte Generalinspekteur Volker Wieker an, den Traditionserlass weiterentwickeln zu wollen. Ergebnisse: keine. Mindestens ebensolang versagt die Führungsspitze der Bundeswehr bei der Formulierung eines Veteranenkonzepts.

Diese beiden gravierenden Versäumnisse muss man zusammenlesen. Wer systematisch verhindert, dass sich eine eigenständige Traditionslinie der Bundeswehr etabliert, wer nicht in der Lage ist, zentrale Leitgedanken zum soldatischen Selbstverständnis in einer Demokratie zu formulieren und in der Truppe zu verankern, sollte anderen Raum geben, diese Lücken zu füllen.

Und wer als Ministerin einen Generalinspekteur, mit einer derart desaströsen Leistungsbilanz zweimal bittet, seine Amtszeit zu verlängern, der darf sich nicht wundern, wenn er sein Vertrauen verspielt hat.

Plötzlich re:publica

Neues von den Kommunikationsgenies im Bendlerblock (oder eher von der Abteilung Personal oder gar das super-agile Cyber Innovation Hub der Bundeswehr in Berlin?). Wie dem auch sei. Sie wollten auf der re:publica, der größten Internet-Konferenz in Deutschland wohl um Nachwuchs werben. Vermutlich kam der Termin überraschend (seit 10 Jahren immer im Mai), und so waren alle Ausstellerflächen schon ausgebucht.

Jetzt ist es ja nicht ungewöhnlich, dass die Bundeswehr zu spät kommt. Zum Verzweifeln ist aber die kommunikative Borniertheit und Engstirnigkeit. Anstatt darüber nachzudenken, wie eine Institution wie die Bundeswehr inhaltlich bei der größten zivilgesellschaftlichen Konferenz zur Digitalisierung dabei sein kann, will man stumpf Werbung machen. Und nachdem man die Konferenz zehn Jahre höflich ignoriert hat, obwohl zentrale Themen, die für die Bundeswehr relevant sind, dort diskutiert wurden, sagt man nicht erstmal guten Tag, sondern will sich mit seinem fetten Arsch gleich mitten ins Wohnzimmer setzen – so zumindest wirkt es.

Was man hätte tun können: 30 Tickets kaufen, Uniform anziehen, hingehen, sich unters Volk mischen, mit den Leuten reden. Das hätte – gerade jetzt – einen viel größeren Effekt als ein sinnloser Messestand. Übrigens: Das ginge immer noch. Die re:publica beginnt ja erst morgen. Aber die Truppe hat jetzt wichtigeres zu tun. Sie muss ihre Zimmer aufräumen.