Einhegung statt Identitätsstiftung – Die Misserfolgsgeschichte der Inneren Führung

Am 14. September war ich eingeladen, einen Beitrag zum 11. Kolloquium Innere Führung in Koblenz zu leisten. Einen ausführlichen Nachbericht zum Kolloquium hat der Veranstalter, die Karl-Theodor-Molinari-Stiftung, auf ihrer Webseite veröffentlicht. Im Anschluss an das Kolloquium habe ich die zentralen Gedanken meiner Rede für das von der Evangelischen Militärseelsorge herausgegeben Magazin „zur sache bw“ aufgeschrieben. Mein Ansatz war es, das Thema aus der Perspektive der Unternehmenskommunikation zu betrachten. Meine These ist, dass es trotz – oder vielleicht auch wegen – des allgemeinen Schulterklopfens für den Erfolg des Konzepts der Inneren Führung auch eine Misserfolgsgeschichte gibt. Die aber wird nicht erzählt, was wiederum das Konzept schwächt. Den vollständigen Text als PDF gibt es hier zum Nachlesen. Das gesamte Magazin steht unter dem Leitthema „Was den Laden zusammenhält“ und man kann es sich auf dessen Webseite herunterladen.  Wie immer gilt: Diskussion ausdrücklich erwünscht.

Werbung und Wirklichkeit

Die Personalwerbung der Bundeswehr ist überragend. Das sagen zumindest Expertinnen und Experten, die in den Jurys von Wettbewerben der Werbe- und Kommunikationsbranche sitzen. So vergab beispielsweise die Jury des Effie Award zum ersten Mal in der Geschichte des Preises einen Grand Effie an die Bundeswehr für die Kampagne Die Rekruten.

Auch bei den PR Report Awards entschied die Jury, dass die Kampagne preiswürdig sei und zeichnet sie in der Kategorie Employer Branding aus. Das freut natürlich auch die betreuende Werbeagentur Castenow.

An dieser Stelle müssen wir die Werbung kurz für eine Wirklichkeitspause unterbrechen, denn die Realität will sich den Fiktionalitäten des Bendlerblocks nicht so recht fügen. So ist nicht nur die Zahl der Bewerber für den freiwilligen Wehrdienst (FWDL) regelrecht eingebrochen, wie die dpa meldet. Nein, auch trotz eines leichten Anstiegs der Bewerberzahlen für eine Laufbahn der Zeitsoldaten, ist die Gesamtzahl der Bewerberinnen und Bewerber von 44.533 auf 43.512 gesunken. Bei den FWDLern bricht darüber hinaus jeder vierte die Ausbildung während der Probezeit ab.

Was die erfolgreichen Werber dazu sagen, werde ich mal versuchen, in Erfahrung zu bringen. Allerdings habe ich wenig Hoffnung dazu etwas substantielles zu erfahren. So antwortete beispielsweise der Sprecher des Verteidigungsminsteriums, Jens Flosdorff, im Jahr 2016 während einer Branchenveranstaltung, wie weit das Ministerium denn mit der Umsetzung des schon lange versprochenen Veteranenkonzepts sei, sinngemäß, dass dies ja nur eine Maßnahme der Öffentlichkeitsarbeit für Reservisten und daher nicht vordringlich sei. Kann man so sehen, aber da jeder Rekrut auch ein potentieller Veteran ist, ist es durchaus plausibel anzunehmen, dass sich junge Menschen auch darüber informieren, wie sich ihr zukünftiger Arbeitgeber verhält, wenn sie denn das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes mal wirklich unter Einsatz ihres Lebens verteidigen müssen. Oder um es mal im Branchenjargon zu sagen: Storytelling und Storydoing müssen zusammenpassen, sonst glaubt es nämlich niemand.

 

Antreten zum Nachsitzen – Vom Scheitern der Inneren Führung und ihren Perspektiven

Titelbild des Buches Innere Führung auf dem Prüfstand

„Die Führungskultur ist gut. Wir haben ein Problem mit der Durchdringung in der Truppe.“ Das sagte sinngemäß der Kommandeur des Zentrums Innere Führung der Bundeswehr, Generalmajor Reinhardt Zudrop, zur Eröffnung des 11. Kolloquiums Innere Führung am 14. September in Koblenz (Programm zum Herunterladen). Die Eröffnung war gleichsam das Fazit der Veranstaltung, die unter der Fragestellung „Innere Führung – Konfession oder Profession?“ stand. Doch genau in dieser Bewertung wird ein fundamentales Problem der Inneren Führung deutlich. Es kann nämlich nur eines stimmen. Entweder, die Führungskultur ist gut. Dann durchdringt sie die Truppe. Oder die Führungskultur durchdringt die Truppe nicht. Dann hat sie Defizite, die genauer zu betrachten sind.

Ausgangspunkt der aktuellen Debatten um die beiden Themen Innere Führung und Traditionsverständnis sind unter anderem Berichte über fragwürdige Ausbildungsmethoden und Misshandlungen – Stichworte: Pfullendorf und Sondershausen – sowie der Fall Franco A. Ein mutmaßlich krimineller Offizier hatte sich als Flüchtling registrieren lassen, versucht, sich illegal eine Waffe zu beschaffen, und darüber hinaus in an der französischen Offizierschule eine Abschlussarbeit eingereicht, die keine wissenschaftlichen Kriterien erfüllte, dafür aber völkische und anti-semitische Verschwörungstheorien nicht nur unkritisch darstellte, sondern diese als zutreffende Analyse einer umfassenden politischen Strategie westlicher Regierungen für wahr nahm.

Mit Blick auf die Innere Führung – das Thema Traditionserlass klammere ich hier bewusst aus – fällt auf, dass es bislang niemanden aus Politik und Militär gibt, der bereit wäre, das Konzept grundsätzlich zu hinterfragen. Im Gegenteil: Allen, die sich öffentlich äußern, gilt die Innere Führung als Erfolgsgeschichte, die es lediglich weiterzuentwickeln gelte. Gleichermaßen lesenswert wie historisierend hat diese Geschichte zuletzt Oberst Burkhardt Köster in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung weitergeschrieben. Bemerkenswertes Detail am Rande. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte Köster im Februar 2017 die Leitung des Referats Innere Führung im Verteidigungsministerium entzogen. Der Vorwurf: Er sei Hinweisen auf entwürdigende Ausbildungsmethoden zu zögerlich nachgegangen (Quelle: tagesschau.de).

Zögerlichkeit scheint mir auch der angemessene Begriff zu sein, um die Diskussion um die Innere Führung selbst zu charakterisieren. So hat von der Leyen zwar die Führungskräfte der Bundeswehr zum kollektiven Nachsitzen verdonnert, doch dessen Ergebnis scheint schon vorab festzustehen. Das wird exemplarisch an einem Bericht auf der Webseite des Ministeriums zu einer Impulsveranstaltung am 24. August 2017 deutlich, ebenfalls am Zentrum für Innere Führung in Koblenz. Dort heißt es unter anderem: „Gemeinsamer Tenor nach dem arbeits- und gesprächsintensiven Tag am Zentrum für Innere Führung in Koblenz: „Das Konzept der Inneren Führung sollte von der Bundeswehr behutsam weiterentwickelt werden, eine vollständige Neufassung ist aber nicht nötig.“ Es wäre mehr als überraschend, wenn in den weiteren geplanten Workshops ein anderes Fazit gezogen würde – und genau das ist ein Problem. Ein Problem, das in Aufbau und Teilnehmerkreis der Workshops angelegt – und meiner Einschätzung nach gewollt – ist.

Die Innere Führung ist jeher vor allem Gegenstand eines Elitendiskurses. Als Beruhigungspille für Politik und Gesellschaft sollte sie soldatische Identität nicht prägen, sondern eingrenzen. Der um das Konzept herum entwickelte Apparat von Dienststellen, Gremien und Dokumenten dient eher der Selbstbestätigung als der dringend notwendigen Weiterentwicklung. Die Partizipationsinszenierung durch das Ministerium passt perfekt zu dieser Programmatik. Wenn ich im Beisein der Ministerin Generäle und Admiräle auf ein Podium setze, muss ich schon sehr naiv sein, wenn ich ernsthaft erwarte, dass dabei mehr als komplette Affirmation herauskommt. Das ist – aus soldatischer Sicht – ein verpasste Chance, denn die Innere Führung hat durchaus das Potential zur Sinnstiftung beizutragen. Das aber nicht als auf die Führungskräfte beschränktes normatives Theoriegebäude, sondern als Handlungsprogramm auf allen Ebenen.

Ein wichtiger Impuls in diesem Sinne kommt – man muss es deutlich sagen – wieder einmal von Marcel Bohnert. Der Major i.G. hat sich in den vergangenen Jahren zum Ein-Mann-Kompetenzzentrum in Sachen kritischer sicherheitspolitischer Diskussionen aus soldatischer Perspektive entwickelt. Als Herausgeber hat er Publikationen initiiert, die der Gedankenwelt junger Soldatinnen und Soldaten sowie von Veteranen erstmals eine größere Sichtbarkeit verschafften. Dass einige der Äußerungen in der Öffentlichkeit und bei der Führung der Bundeswehr dabei – teilweise zurecht – Irritationen hervorriefen, war vermutlich Teil des Konzepts. Der Integrität von Bohnert tut dies keinen Abbruch. Kein Wunder, dass er nun, nach Abschluss seines Generalstabslehrgangs den Preis „Primus inter Pares‘‘ erhielt. Diesen verleiht die FüAkBw an denjenigen Lehrgangsteilnehmer, der in „Kameradschaft, persönlicher Integrität, ethischer Grundhaltung, beruflichem Selbstverständnis und Leistung für den Lehrgang‘‘ überzeugt hat. Das Besondere: Den Preisträger wählen die Lehrgangsteilnehmer selbst aus ihrer Mitte.

Parallel zum Abschluss seines Lehrgangs legt Bohnert publizistisch nach. „Innere Führung auf dem Prüfstand. Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr“ ist der Titel seines neuesten Buches. Darin untersucht Bohnert systematisch, ob sich das Konzept der Inneren Führung im Einsatz bewährt hat, welche Elemente dabei eine wesentliche Rolle gespielt haben und wo die Defizite liegen. Er stützt seine Analyse nicht nur auf eigenen Erfahrungen, sondern auf eine umfassende Erhebung unter Offizieren an der Führungsakademie der Bundeswehr. Bewährt hat sich das Konzept nach Auffassung der Befragten vor allem dort, wo es um das soldatische Miteinander geht. Das sind unter anderem die Bereich Menschenführung, Fürsorge und Motivation. Kritisch sehen die Befragten die Rolle der Inneren Führung insbesondere bei der Legitimation, der politischen Bildung und der Integration, also der Einbindung in die Gesellschaft. Das heißt aus meiner Sicht nichts anderes, als dass unter nach höchsten Standards ausgewählten Offizieren der Bundeswehr erhebliche Zweifel daran bestehen, ob das von der politischen Führung in höchsten Tönen gelobte Konzept der Inneren Führung genau dort gescheitert ist, wo es aus politischer und gesellschaftlicher Sicht, die meiste Wirksamkeit entfalten sollte.

Bohnert selbst ist in seinem Urteil nicht ganz so kritisch. Dennoch hofft er, dass sowohl das Verteidigungsministerium als auch die Bundeswehr die aktuelle Debatte um die Neuausrichtung nutzen, um auch das Konzept der Inneren Führung auf den Prüfstand zu stellen. Eines seiner Kernanliegen ist es dabei, die Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz nicht ungenutzt zu lassen. Diese sollten sowohl bei der militärischen Ausbildung als auch bei der Entwicklung einer soldatischen Identität eine zentrale Rolle spielen. Dazu gehören für Bohnert auch die Frage nach der Traditionsbildung als auch die Etablierung einer angemessenen Veteranenkultur.

Es scheint kein Zufall, dass die politische Führung diese Handlungsfelder in den Jahren seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes sträflich vernachlässigt hat. Weder gab es eine umfassende und transparente Analyse der Ziele und Ergebnisse des deutschen Afghanistans-Einsatzes, wie sie unter anderem Winfried Nachtwei schon lange fordert. Noch hat das Verteidigungsministerium das vor inzwischen sechs Jahren vom damaligen Minister Thomas de Maizière angekündigte Veteranenkonzept umgesetzt. Es passt ins Bild, dass auch die vor mehr als fünf Jahren durch den Generalinspekteur Volker Wieker angekündigte Überarbeitung des Traditionserlasses erst jetzt langsam beginnt.

Angesichts der Art und Weise wie sich das Ministerium unter Führung von Ursula von der Leyen derzeit dieser Themen annimmt, sind Zweifel angebracht, ob die dringend nötige Modernisierung der Bundeswehr nicht nur das Material sondern auch das Führungsverständnis mit einschließt. An Publikationen wie der von Marcel Bohnert wird aber deutlich, dass die Debatte über die Innere Führung auch selbst vorbildlich in Sinne dieser Führungsphilosophie geführt werden sollte. Entscheidend ist, dass die Truppe sich gegenüber den Inszenierungsstrategien des Ministeriums emanzipiert und vielfältige Stimmen in den öffentlichen Diskurs einbringt. Dem Primat der Politik zu folgen heißt nämlich nicht, unkritisch umzusetzen, was Ministerium und Regierung vorgeben. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Ihr Souverän sind die deutschen Wählerinnen und Wähler. Mit diesen sollten Soldatinnen und Soldaten als Staatsbürger darüber streiten, was sie voneinander erwarten.

Das Buch „Innere Führung auf dem Prüfstand. Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr“ ist im Deutschen Veteranen Verlag erschienen und bei Books on Demand oder Amazon erhältlich.

 

 

Fehlbesetzungen

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Ursula von der Leyen die falschen Generäle entlässt.

Vor fünf Jahren kündigte Generalinspekteur Volker Wieker an, den Traditionserlass weiterentwickeln zu wollen. Ergebnisse: keine. Mindestens ebensolang versagt die Führungsspitze der Bundeswehr bei der Formulierung eines Veteranenkonzepts.

Diese beiden gravierenden Versäumnisse muss man zusammenlesen. Wer systematisch verhindert, dass sich eine eigenständige Traditionslinie der Bundeswehr etabliert, wer nicht in der Lage ist, zentrale Leitgedanken zum soldatischen Selbstverständnis in einer Demokratie zu formulieren und in der Truppe zu verankern, sollte anderen Raum geben, diese Lücken zu füllen.

Und wer als Ministerin einen Generalinspekteur, mit einer derart desaströsen Leistungsbilanz zweimal bittet, seine Amtszeit zu verlängern, der darf sich nicht wundern, wenn er sein Vertrauen verspielt hat.

Plötzlich re:publica

Neues von den Kommunikationsgenies im Bendlerblock (oder eher von der Abteilung Personal oder gar das super-agile Cyber Innovation Hub der Bundeswehr in Berlin?). Wie dem auch sei. Sie wollten auf der re:publica, der größten Internet-Konferenz in Deutschland wohl um Nachwuchs werben. Vermutlich kam der Termin überraschend (seit 10 Jahren immer im Mai), und so waren alle Ausstellerflächen schon ausgebucht.

Jetzt ist es ja nicht ungewöhnlich, dass die Bundeswehr zu spät kommt. Zum Verzweifeln ist aber die kommunikative Borniertheit und Engstirnigkeit. Anstatt darüber nachzudenken, wie eine Institution wie die Bundeswehr inhaltlich bei der größten zivilgesellschaftlichen Konferenz zur Digitalisierung dabei sein kann, will man stumpf Werbung machen. Und nachdem man die Konferenz zehn Jahre höflich ignoriert hat, obwohl zentrale Themen, die für die Bundeswehr relevant sind, dort diskutiert wurden, sagt man nicht erstmal guten Tag, sondern will sich mit seinem fetten Arsch gleich mitten ins Wohnzimmer setzen – so zumindest wirkt es.

Was man hätte tun können: 30 Tickets kaufen, Uniform anziehen, hingehen, sich unters Volk mischen, mit den Leuten reden. Das hätte – gerade jetzt – einen viel größeren Effekt als ein sinnloser Messestand. Übrigens: Das ginge immer noch. Die re:publica beginnt ja erst morgen. Aber die Truppe hat jetzt wichtigeres zu tun. Sie muss ihre Zimmer aufräumen.

Die vielen Bundeswehren der Ursula von der Leyen

Vorbemerkung: Dieser Text ist eine Sammlung von Gedanken. Die aktuelle Diskussion um die Bundeswehr bewegt mich mehr, als ich erwartet hätte. Gleichzeitig habe ich gerade nicht die Zeit, mich intensiv mit den zahlreichen Themen zu befassen. In diesem Sinne bitte ich um Verständnis, wenn das ein oder andere noch unausgereift ist – und freue mich über konstruktive Beiträge.

Wir haben in der Kommunikationsagentur, in der ich arbeite, einen Leitgedanken: Die Herausforderung öffentlicher Kommunikation ist die Integration unterschiedlicher Perspektiven.

Ein anderer Leitgedanke, den ich gerne nutze, um anderen – beispielsweise auch Studierenden – zu erklären, was ich beruflich mache, geht so: Ich beginne mit der Frage, ‚Was ist ein Unternehmen? Was ist eine Organisation?‘ Darauf kommen in der Regel viele richtige Antworten. Sie erfassen aber in der Regel nur selten die kommunikative Perspektive. Um diese zu erläutern benutze ich dann das folgende Bild: Unternehmen und Organisationen sind Geschichten. Diese Geschichten setzen sich aus allen Erzählungen über das Unternehmen oder die Organisation zusammen, und jeder kann dabei mitreden.

Das mag dem ein oder anderen vielleicht zu abstrakt oder verkopft klingen. Ich find es sehr lebensnah. Gerade jetzt. Denn auch die Bundeswehr ist eine Geschichte, und zwar eine, bei der die Erzählungen derzeit weit auseinander laufen. So weit, dass zahlreiche Akteure daran scheitern, die unterschiedlichen Perspektiven zu integrieren – allen voran Ursula von der Leyen und ihre Beraterinnen und Berater.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Eine einseitige Schuldzuweisung – auch an die Ministerin – wird den Problemen, vor denen die Bundeswehr steht, nicht gerecht. Mit Schwung vorgetragene Forderungen, die Ministerin müsse zurücktreten, sind Teil des politischen Spiels. Sie beantworten aber nicht die Frage, was danach geschehen soll, und vor allem nicht, was denn eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger anders machen sollte.

Um ansatzweise zu erfassen, was dort gerade – aus kommunikativer Sicht – passiert, formuliere ich die folgende Hypothese: Es gibt zu viele Bundeswehren und es fehlt eine strategische Erzählung, die diese Bundeswehren zusammen hält. Diese Bundeswehren hat die aktuelle Verteidigungsministerin nicht allein zu verantworten, aber sie muss sie führen. Dabei muss sie mit fundamentalen Problemen umgehen, die sich teilweise über Jahrzehnte entwickelt haben.

Kommunikativ interessant ist dabei, dass Ursula von der Leyen und ihre Administration sehr viele dieser Problem erstmals sichtbar gemacht hat. Das ist ein echtes Verdienst, auch wenn es natürlich ein alter politischer Trick ist, zum Auftakt einer Amtszeit vermeintlich schonungslos Bilanz zu ziehen, um sich dann dafür feiern zu lassen, dass man die Probleme in den Griff bekommen hat. Was von der Leyen vermutlich nicht ahnen konnte: Sie hat die Büchse der Pandora geöffnet – und aus der drängen immer neue Geschichten, die zeigen, wie desolat der Zustand der Bundeswehr – oder besser: der verschiedenen Bundeswehren – wirklich ist.

Genau diese Geschichten aber bekommt das Ministerium jetzt nicht mehr in den Griff. Im Gegenteil: Es scheint, als habe sich im Ministerium rund um die Ministerin ein kleiner Kreis politischer Beamter und Berater gebildet, die ihre eigene mediale Inszenierung mit der Wirklichkeit verwechseln und sich – vielleicht berauscht von ihrer nationalen Aufgabe – gegen alle anderen Erzählungen abschotten. Die vielleicht tatsächlich glauben, dass die außerordentlich erfolgreiche und gut gemachte YouTube-Serie „Die Rekruten“ einen Eindruck davon vermittelt, was es bedeutet Soldat oder Soldatin zu sein. Das zumindest würde erklären, warum der Kommunikationschef des Ministeriums, Jens Flosdorff, die Frage nach einem Veteranenkonzept der Bundeswehr lapidar damit abtut, das sei ja bloß eine Maßnahme zur Öffentlichkeitsarbeit für Reservisten und daher nicht dringlich.

Problematisch daran ist, dass er sich dabei auf vermeintliche Autoritäten verlassen kann, allen voran den Generalinspekteur der Bundeswehr. Bereits 2012 hatte Volker Wieker unter dem Titel „Soldat sein heute“ seine Leitgedanken zur Neuausrichtung der Bundeswehr veröffentlicht. Ich hatte mich damals mit dem Text auseinandergesetzt und ein Fazit formuliert, dass sich vielleicht lohnt, vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse nochmal gelesen zu werden:

Was aber, wenn genau diese geistige und sittliche Verfassung sowie das innere Gefüge der Truppe schon längst nicht mehr im Takt sind? Was, wenn das einzige, was noch in Takt wäre, der Zusammenhalt der Einheiten im Einsatz sowie die Affirmation der Generalität gegenüber der Politik wären?

Wenn das so ist – und einiges spricht dafür – müssen wir aber auch feststellen, dass nicht nur das Ministerium in seiner selbst gebauten Filterblase gefangen ist. Auch diejenigen, die die Ministerin heftig kritisieren und dabei teilweise die Grenze zur Illoyalität weit überschreiten, schaffen es nicht, über die Grenzen ihrer Welt hinaus zu denken und das Gesamtbild zu sehen. Sie tragen ihren Teil dazu bei, dass aus der einen Bundeswehr – die es eigentlich sowieso nie gab – viele Bundeswehren werden, und jeder scheint zu glauben, dass genau seine Bundeswehr die einzig richtige ist.

Im Laufe der Zeit sind so unter anderem entstanden:

  • eine Einsatz-Bundeswehr, die von der Realität in Afghanistan, in Mali, im Irak geprägt wurde, und die sich dann auch noch in eine Kampf- und Lager-Bundeswehr aufgespalten hat. Eine hohe Bedeutung hat hier die Kampf-Bundeswehr. Diese wurde mit fragwürdigem Mandat, mangelhafter Ausrüstung und unklaren Regeln in den Kampf gegen einen rücksichtslosen Feind geschickt. Und während sich vor Ort die Soldatinnen und Soldaten sehr schnell darüber im Klaren waren, dass sie im Krieg waren, wurde im politischen Berlin an der Erzählung von einer erfolgreichen Friedensmission festgehalten. Diese Erzählung brach spätestens nach dem Karfreitags-Gefecht und dem von einem deutschen Oberst befohlenen Bombenangriff auf gestohlene Tanklaster bei Kunduz zusammen.
  • eine Ausbildungs-Bundeswehr, in der vor allem Offizieranwärter abgeschottet von den Menschen, die sie später einmal führen sollen, ausgebildet werden.
  • eine Rüstungs-Bundeswehr, die nach Jahrzehnten einer rigorosen Sparpolitik und Kungelei mit der Industrie feststellen muss, dass sie strukturell und personell kaum in der Lage ist, die Truppe mit dem Gerät zu versorgen, dass diese dringend braucht.
  • eine Veteranen-Bundeswehr, in der ehemalige Soldaten der guten alten Zeit hinterher trauern.
  • usw., usf.

Wenn das, was ich skizziert habe, auch nur ansatzweise stimmt, heißt das nichts anderes, als dass der Führungsverbund der Bundeswehr zusammengebrochen ist. Denn es gibt nur noch wenig, was diese Bundeswehren zusammenhält. Unterschiedliche Bundeswehren stehen sich teilweise diametral gegenüber. Die Identifikation mit dem Beruf, die früher über Teileinheit, Einheit, Verband, Großverband, Truppengattung verlief, ist zu einer Überidentifikation mit der eigenen Perspektive geworden – auf allen Seiten. Die Bundeswehr ist in einer fundamentalen Krise, und – es gibt dazu keine Alternative – diese Krise muss von allen Beteiligten gemeinsam gelöst und von der Spitze geführt werden, oder sie wird sich weiter in ihre Einzelteile zerlegen.

Die Enttäuschung vieler Soldatinnen und Soldaten über die Pauschalkritik der Ministerin zeigt, dass die eine Bundeswehr immer noch einen geeigneten Identifikationsrahmen bietet und die Menschen sich nach dieser Identität sehnen. Wenn Ursula von der Leyen diese Menschen wirklich führen will, ist es spätestens jetzt höchste Zeit, dass sie sich auf sie zubewegt. Ein erster Schritt wäre, die Kritikfähigkeit, die sie von der Truppe fordert, auch selbst zu beweisen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie und ihre Stab dazu in der Lage sind. Aber es wäre wichtig.

 

 

Schatten und Licht

So wenig ich von der Bundeswehr-Doku-Soap-Casting-Show „Die Rekruten“ halte, so viel halte ich von der aktuellen Spezialausgabe von Y – Das Magazin der Bundeswehr. Das längst überfällige Heft gibt zentralen Themen, die das soldatische Dienen von anderen Berufen unterscheiden – dem Einsatz von Leib und Leben sowie dem Töten und Getötet werden – endlich eine angemessene Form.

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Cover Y-Magazin Spezial 2016 (Quelle: C3)

Bemerkenswert finde ich, dass die Werbekunden bei diesen Themen mitgegangen sind. Die Anzeigen wirken neben den Inhalten seltsam deplatziert. Im Kontrast zu den existentiellen Texten sind die Angebote in den Anzeigen banal. Nachdem ich davon anfangs etwas irritiert war, entsteht für mich genau daraus nun ein besonderes Spannungsverhältnis. Das Heft empfehle ich ausdrücklich – nicht nur den Rekruten.

Kanonenfutter für von der Leyens Dschungelcamp

Nun ist sie also da. „Die Rekruten“, eine exklusiv für YouTube produzierte Serie, mit der die Bundeswehr um Nachwuchs werben will. Zwölf Wochen lang begleiten Kameras junge Menschen auf dem Weg durch die Grundausbildung. Format und Plattform sind perfekt gewählt, könnte man meinen. Wenn, wie re:publica- und Tincon-Erfinder Johnny Haeusler sagt, wir derzeit die erste Generation junger Menschen erleben, deren prägender Kulturraum YouTube ist, muss man genau dort werben, wenn man will, dass die Jugend der Bundeswehr überhaupt begegnet.

Das war lange Zeit anders. Mehr als 40 Jahre lang mussten sich zumindest junge Männer mit der Frage auseinandersetzen, ob sie zum Bund gehen oder verweigern. Das führte regelmäßig zu intensiven Diskussionen im Freundeskreis und der Familie. Die Bundeswehr war präsent. Seit 2011 ist die Wehrpflicht ausgesetzt. Die Aufmerksamkeit, die der Bundeswehr früher zwangsweise zuteil wurde, muss sie sich heute teuer erkaufen.

Zu teuer, wie einige Kritiker sagen. Rund 8 Millionen Euro soll die Kampagne kosten. Interessanter Nebenaspekt für Kommunikationsexperten: knapp 80 Prozent des Budgets sind dafür vorgesehen, die Serie zu bewerben. Der Inhalt allein reicht also nicht, um sein Publikum zu erreichen. Dennoch, die Kritik an den Kosten geht an der Sache vorbei. Die Bundeswehr muss werben. Werbung kostet Geld. Und die Bundeswehr muss sich in einem medialen Umfeld durchsetzen, in dem viele weitere Akteure um Aufmerksamkeit kämpfen – mit teilweise wesentlichen höheren Budgets.

Ein weiterer Kritikpunkt – den auch ich teile – ist, dass die Serie die ernsthaften Seiten des Soldatenberufs ausspart. Für mich ist das zu viel Abenteuerspielplatz und zu wenig ernsthafte Auseinandersetzung mit den ernsten Seiten des soldatischen Dienens. Die Bilder, die wir in den ersten Folgen der Serie sehen, erinnern daher auch eher an eine Militärklamotte als an den Einstieg in eine professionelle Karriere. Nichts gegen Selbstironie, aber vor allem die Ausbilder machen es dem Betrachter schwer, zu entscheiden, ob das, was er sieht, Wirklichkeit ist oder Satire. Aber das ist nicht entscheidend, denn das ganze Format ist eine einzige Inszenierung. Die Behauptung, die Serie sei ohne Drehbuch entstanden, ist eine Lüge – nur heißt das Drehbuch in diesem Fall eben Dienstplan. Damit ist klar, wann wo eine Kamera zu stehen hatte. Und weil die Filme ohnehin im Schnitt entstehen, ist ganz klar, wer hier der verantwortliche Regisseur ist.

Genau das aber ist der eigentliche Skandal. Wer gesehen hat, wie naiv die Darsteller und ihre Angehörigen in den ersten Folgen vor der Kamera agieren und wer weiß, nach welchen Regeln das mediale Spiel läuft, muss feststellen: Die Entscheidung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, diese Serie produzieren und senden zu lassen, ist verantwortungslos. Wir sehen dabei zu, wie die Bundeswehr zwölf junge Männer und Frauen in die Medienarena treibt und sie ungeschützt dem Urteil des Publikums aussetzt. Man braucht nicht viel Phantasie, um zu wissen, dass bereits jetzt unter den Zuschauern Wetten darauf abgeschlossen werden, wer es bis zum Ende der Grundausbildung schafft oder nicht. (Nebenbei gefragt: Wer ist eigentlich Ihr Favorit?).

Wenn es also ein Format gibt, das nicht geeignet ist, für den Soldatenberuf zu werben, dann hat es die Bundeswehr mit „Die Rekruten“ gefunden. Früher oder später werden die Darsteller und Darstellerinnen merken, dass sie nicht weiter sind bzw. waren als mediales Kanonenfutter in von der Leyens Dschungelcamp. Und hoffentlich werden sich aktive und zukünftige Soldaten sehr genau überlegen, ob sie sich ebenfalls vor diesen Karren spannen lassen. Man kann ihnen nur raten, es nicht zu tun.

Servicebeitrag: European Communications Monitor 2016

Heute nur ein ganz kurzer Servicebeitrag. Wer sich darüber informieren will, welche Themen rund 21.000 professionelle europäische Kommunikatoren beschäftigt, wird in der aktuellen Ausgabe des European Communication Monitor fündig.

Ebenso spannend wie folgerichtig finde ich, welche Bedeutung die Entwicklung spezifischer Kompetenzen hat – und wie wenig sich das bisher in den Ausbldungsangeboten wiederzufinden scheint. Wie sieht es denn damit derzeit in der Bundeswehr aus? Ich freue mich auf Kommentare von Leserinnen und Lesern.

Weitere Highlights der Studie:
– 72 Prozent der Befragten glauben, dass Big Data ihre Arbeit verändern wird – aber erst ein Viertel der Organisationen gehen das Thema aktiv an.
– Nur wenige Kommunikatoren nutzen bisher die technischen Möglichkeiten, um etwa Inhalte automatisch an unterschiedliche Kanäle anzupassen.
– Die direkte Kommunikation sehen die Studienteilnehmer als wichtiger an, als die Kommunikation via Social Media.
– Sogenannte Influencer spielen eine immer größere Rolle.

Wer mehr wissen will, wird auf der Website zur Studie fündig. Die Präsentation der Ergebnisse habe ich hier eingebunden.

Außer Spesen nichts gewesen?

Der Präsident des Reservistenverbandes, Roderich Kiesewetter, ist zurückgetreten. Angeblicher Rücktrittsgrund: zu hohe Ausgaben für eine Veranstaltung in Berlin. Die Details dazu finden sich auf Augen Geradeaus!. Aus Kommunikationssicht interessant ist, ob der Grund auch der wahre Grund oder nur der Anlass sind. Die Ausführungen von Kiesewetter verschleiern nämlich eher mehr als sie offenbaren. Ein erfahrener Politiker muss, unabhängig davon ob er in Details eingeweiht ist, oder nicht, wissen, dass die kolportierten Kosten angemessen sind. Das lässt sich auch dadurch nicht entschuldigen, dass er in seiner aktiven Dienstzeit bei der Verpflegung von Gästen nur zwischen Kaltgetränk rot oder gelb entscheiden durfte (und nicht, wie etwa seine französischen Kameraden zwischen Entrecôte und Filet).

Was also steckt wirklich hinter dem Rücktritt? Sind es Richtungskämpfe im Verband? Druck aus der eigenen Partei? Hat ihm gar jemand ein Ultimatum gestellt und er musste sich entscheiden, ob er lieber Un- oder Mitwissender bei zweifelhaften Vorgängen gelten will? Wie dem auch sei. Es ist unglaubwürdig, dass dort außer Spesen nichts gewesen sein soll. Da kommt noch mehr. Der Rücktritt ist damit so oder so folgerichtig – aber auch menschlich bedauerlich.