In der öffentlichen Arena

Aufgepasst, heute kann man wieder etwas über Social Media, Strategische Kommunikation und Journalismus lernen. Ausgangspunkt ist dieser Bericht, der eine Sendung von Panorama am 23. Juli 2020 anteasert:

Beginnen wir mit den Akteuren. In den Hauptrollen: @BMVg_Bundeswehr, @BMVg_Bundeswehr, @NDRrecherche, @CarolineWalterB, @FrolleinEms und Marcel Bohnert (instagram.com/marcel_bohnert/), verantwortlich für den Auftritt der Bundeswehr in den sozialen Medien.

Das Drama
Das Stück heißt „Offizier sympathisiert mit Rechtsradikalem“ und geht so: Folgt man dem Bericht des NDR, hat Bohnert auf Instagram Beiträge eines inzwischen gelöschten Accounts geliked, die eine Nähe zur Identitären Bewegung und dem Verlag Antaios vermuten lassen können.

1. Akt: Journalismus
Die Autorinnen des Textes behaupten, Bohnert sei mit dem fraglichen Account „seit Jahren vernetzt“. Einen Beleg zu dieser Aussage konnte ich nicht finden. Der wäre aber wichtig, denn: Auch zu den in Frage stehenden Posts, die Bohnert geliked hat, gibt es keine Angaben dazu, welche das sind, wie viele Bohnert geliked hat und vor allem, wann er sie geliked hat. Mein Anspruch an eine professionelle journalistische Recherche ist, diese Fragen zu klären.

Außerdem erwarte ich, dass man recherchiert, wer sich hinter einem Account mit dem Namen „incredible_bramborska“ verbirgt und dann sowohl diese Person als auch Bohnert um eine Stellungnahme bittet. Beides ist entweder nicht geschehen oder man berichtet nicht darüber. Das aber wäre wichtig, wenn man die Behauptung aufstellt, jemand sympathisiere mit einem „Rechtsradikalen“. Das ist insofern relevant und keine Wortklauberei, weil es sich bei dem Betreiber des Accounts ja auch um einen Rechtsextremisten handeln könnte.

Die Fakten sind für das Publikum derzeit nicht komplett nachvollziehbar, denn der Account selbst war heute morgen auf privat gestellt und von außen nicht einsehbar. Insgesamt hatte der Betreiber 46 Beiträge veröffentlicht, wie viele davon rechtsradikal waren, ist unklar.

2. Akt: Strategische Kommunikation
Ungeachtet der Kritik an den journalistischen Auslassungen, ist es extrem problematisch, wenn ein Offizier, der in einer Funktion mit hoher Öffentlichkeitswirkung eingesetzt wird, auch nur den Anschein der Nähe zu Rechtsradikalismus erweckt. Wenn Marcel Bohnert, den ich persönlich kenne und schätze, sich rechtsradkales Gedankengut zu eigen machte – was zu überprüfen ist -, müsste das Verteidigungsministerium das gemäß der geltenden Rechtslage ermitteln und entsprechend behandeln.

Im konkreten Fall sind aus Sicht einer professionellen strategischen Kommunikation mehrere schwere Fehler zu erkennen.

1. Bereits der Verdacht der Nähe eines derart exponierten Offiziers wie Bohnert reicht aus, um die gesamte Bundeswehr zu diskreditieren.

Das mag man unfair finden, ist aber in der Regel allen Menschen, die sich professionell mit öffentlicher Kommunikation befassen, bekannt – oder muss ihnen bekannt gemacht werden. Das wäre unter anderem eine Aufgabe der Vorgesetzen von Bohnert gewesen. Die Prinzipien Führung, Erziehung und Ausbildung gelten nämlich auf allen Ebenen der Bundeswehr. Hier schlage ich die Brücke zum nächsten schweren Fehler.

2. Die Kommunkation der Bundeswehr wird – insbesondere im Bereich Personalwerbung – nicht professionell geführt.

Ihr fehlen wichtige Ressourcen im Bereich der Ausbildung und Möglichkeiten zur kritischen Selbstreflektion. Stattdessen hat sich in Folge der mehrfach ausgezeichneten Kampagnen der Nachwuchswerbung eine Kultur der erfolgsverwöhnten Selbstbesoffenheit junger Männer etabliert.

Das wurde unter anderem auch im Kontext der re:publica 2018 deutlich. Die aufmerksamkeitsstarken Kampagnen haben nicht nur ihr junges Publikum erreicht, sondern auch Unbehagen insbesondere bei kritischen Journalist*innen geweckt. Im weiteren Kontext hat sich hier ein „Krieg der Narrative“ entwickelt.

Ursächlch dafür ist auch, dass das Verteidigungsministerium es versäumt hat, den durchaus unterhaltsamen Klamauk seiner Nachwuchswerbung durch eine substantielle Vermittlung sicherheitspolitischer Inhalte zu unterfüttern. Meine Position dazu habe ich unter anderem in Bezug auf die Jugendoffiziere hier deutlich gemacht.
Wer jetzt argumentiert, die #Bundeswehr habe doch ein Zentrum Informationsarbeit und müsse dementsprechend vorbereitet sein, dem empfehle ich, zu recherchieren, wer dort in den vergangenen Jahren inhaltliche Verantwortung getragen hat.

Wie dem auch sei, inzwischen haben zunächst wohl die Profis aus dem Presse- und Informationsstabes der @BMVg_Bundeswehr übernommen:

Deren Strategie ist nun, die Rolle von Bohnert möglichst herunterzuspielen. Dennoch sind sie hinter den Kulissen aktiv.

Nicht nur haben sie Bohnert von seinen Aufgaben entbunden, sie haben ihm vermutlich auch nahegelegt, ein Statement, das er auf seinem – wohlgemerkt privaten – Instagram-Account veeröffentlicht hat, wieder zu löschen. Image
In diesem Statement liefert Bohnert eine aus meiner Sicht plausible Erklärung dafür, wie der Kontakt zu dem Betreiber des Accounts zu Stande kam. Und natürlich hat er recht, wenn er sagt, dass die Inhalte, die er geliked hat, nicht verboten sind.
Aber: Wir sind – siehe oben – hier in der öffentlichen Arena und in die sollte man als Social-Media-Gladiator halt nicht mit offenen Sandalen stolpern und sich wundern, wenn man auf die Schnauze fällt.

Worum es übrigens auch noch geht: Bohnert ist zwar hier der Gegenstand der Berichterstattung. Das eigentliche Ziel aber sind die politisch Verantwortlichen, hier insbesondere Staatsekretär @petertauber und Verteidigungsministerin @akk.

Fortsetzung folgt

Was das Verteidigungsministerium jetzt u.a. dringend tun sollte: Eindeutig und klar kennzeichnen, in welcher Beziehung Menschen zur Bundeswehr stehen, die sich in ihren Social Media-Profilen der #SocialMediaDivision zuordnen. Wer in der Dienstzeit postet, hat keinen privaten Account.

Und weiter geht’s. Die Bild-Boys haben ein Statement von Bohnert:
„Bundeswehr-Wirbel – Social-Media-Leiter distanziert sich von Rechtsradikalen
Jetzt äußert sich Oberstleutnant Marcel Bohnert zu den Vorwürfen. Gegenüber BILD erklärt er, wie es zu den Likes für Rechtsradikale kam“

Das klingt für mich grundsätzlich glaubwürdig. Was es nicht auflöst, ist, der Konflikt zwischen dem Corporate Bundeswehr und der Person Bohnert. Was ich damit meine: Wenn das Statement mit dem Ministerium abgestimmt ist, widerspräche das der Aussage des Ministeriums, den Vorgang gründlich untersuchen zu wollen. Dazu ging das zu schnell. Andererseits: Das Ministerium hat Bohnert öffentlich ohne Not klein gemacht.
Wenn das Statement nicht abgestimmt ist, nimmt sich Bohnert komplett aus der Hierarchie raus. Das kann ihm das Ministerium nicht durchgehen lassen. Es bleibt also spannend.

Was in dieser Situation (investigativer) Journalismus und strategische Kommunikation übrigens gemeinsam haben: Es ist unerheblich, ob die Story bis ins letzte Detail wahr ist. Es kommt darauf an, ob sie plausibel, glaubwürdig und nicht falsifizierbar ist. Konkret: Wenn Bohnert jetzt sagt, er habe einen Fehler gemacht und es tue ihm leid, heißt es nicht, dass dem auch so ist. Es ist eine angemessene Reaktion, und die Geschichte dazu ist stimmig.

Dabei muss er auch gar nicht in Konfrontation zu Panorama gehen. Das übernehmen schon das Publikum und die Beobachter. Das zeigt sich unter anderem ihier in diesem Beitrag, noch mehr aber bei den Bundeswehr-Kritiker*innen, die nun sämtliche Aktivitäten von Bohnert recherchieren und bewerten. Dabei stoßen sie auf auch auf Ereignisse, die eine kritische Lesart nahelegen, wie beispielsweise Vorträge bei Burschenschaften. Ich finde es richtig, genau hinzusehen, wünsche mir das aber dann in aller Konsequenz, also auch in Bezug auf die eigene Recherche des NDR.

In diesem Zusammenhang ein Hinweis in eigener Sache: Ich kenne Marcel Bohnert seit seiner Zeit als Leiter einer Studentenfachbereichgruppe an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Er hatte mich damals zu einem Vortrag eingeladen. Seitdem begleite ich seine publizistische Arbeit wohlwollend-kritisch.

Eine wirklich interessante Entwicklung ist unter anderem auf Instagram zu beobachten. Eine der Figuren, die sich prominent mit der #SocialMediaDivision identifiziert, agiert dort unter dem Nick Sportkameradin. Als solche fordert sie nun bedingungslose Solidarität mit Marcel Bohnert: Das ist aus mehreren Gründen interessant. Wenn man wissen will, wie sie zur Bundeswehr steht, findet man im Profil nichts. In einem Post aus 2018 bezeichnet sie sich als zivile Mitarbeiterin der Bundeswehr. In ihren Posts selbst tritt sie dagegen sehr häufig in einem Flecktarn-Phantasie-Mix auf, der die Grenzen zwischen Militär und Zivilist deutlich vermischt.

Genau hier muss aber das Ministerrium für Rollenklarheit sorgen. Vor allem dürfen die Ministerin sowie die politische und militärische Führung nicht zulassen, dass auf Social Media massiv gegen die Bundeswehr als Ganzes agitiert wird. Das ist auch deshalb wichtig, weil sich auf diversen Social Media-Plattformen gerade eine Solidarisierungswelle mit Bohnert aufbaut, die sich auch gegen das Ministerium richtet. Dort ist jetzt – endlich – Führung gefragt. Sonst gilt hier, was schon Goethes Zauberlehrling schmerzhaft lernen musste: „Die ich rief, die Geister, Werd ich nun nicht los.“ Doch hier setzen sich nicht die Besen in Bewegung, sondern die #SocialMediaDivision marschiert gegen den Bendler-Block.

Und zum vorläufigen Abschluss des Threads: Was mir in der Diskussion deutlich wird und was ich auch an mir selbst beobachte, ist, wie weit das soldatische Leben auch in unserer hypervernetzten Gesellschaft vom zivilen Leben entfernt ist. Nicht falsch verstehen. Ich begrüße das. Nichts zeigt besser, wie friedlich das Leben in Deutschland ist. Das führt vielleicht zwangsläufig dazu, dass Menschen, die dem Militär begegnen von vielem befremdet sind. Genau deshalb wäre es die Aufgabe des Ministeriums diese Lücke kommunikativ zu schließen.
Es reicht nicht, mit Reality-Formaten ein unreifes Publikum zu bespaßen – vor allem, wenn die Formate wesentliche Teile der Realität ausblenden. Eine Parlamentsarmee zu unterhalten, bedeutet, dem Souverän zu erklären, warum man sie aufstellt und in Einsätze schickt.  Und es bedeutet, seine Soldat*innen umfassend auf die Unwägbarkeiten vorzubereiten, die sie erwarten. Dazu gehört auch die Vorbereitung auf die dienstliche Präsenz in (sozialen) Medien.
Wie nötig das ist, zeigt sich auch daran, dass hohe Generale sich teilweise naiv von Unternehmensberater*innen für dubiose Zwecke der Selbstvermarktung einspannen lassen – aber das ist eine andere Geschichte.
Und ganz zum Schluß noch etwas Pathos: Wer im ehemaligen Jugoslawien, in Afghanistan, in Mali oder sonstwo mit Menschen geredet hat, die keine Sekunde zögern würden, andere zu ermorden, für den ist es manchmal schwer zu verstehen, wenn man in Deutschland nicht mit Menschen reden darf, die sich an politischen Rändern, aber noch nicht im illegalen Bereich bewegen. Und nein: Das relativiert nichts, und macht auch dumme Likes nicht besser. Es ist in Hinweis auf das, was mir persönlich im Gesamtbild fehlt.
One more thing: Ich habe nun den Beitrag von @NDRrecherche in Panorama gesehen. Er ist quasi die Verfilmung des Textes. Alle Fragen, die ich dazu noch habe, bleiben unbeantwortet. Das ist für den Journalismus ebenso schädlich, wie der Anschein, den die Likes von Bohnert wecken. Wenn das Ministerium Rückgrat hat, untersucht es die Vorwürfe jetzt gründlich und sine ira et studio, beantwortet dabei die Fragen, die @NDRrecherche offen lässt und lässt dann Marcel Bohnert in der #SocialMediaDivision der Bundeswehr umsetzen, was es gelernt hat.

75 Jahre nach Kriegsende – Schluss mit der Tradition um Admiral Johannesson!

Gastbeitrag von Kapitän zur See a.D. Heiko Leopold

Konteradmiral Rolf Johannesson (1900 bis 1989) gilt in der deutschen Marine der Bundeswehr als Vorbild. Vor allem, weil er die Historisch-Taktische Tagung der Flotte initiiert hat. Diese soll die Marinegeschichte kritisch aufarbeiten. Johannesson vertrat das Ziel, des Römers Cicero: „Über Geschichte und Tradition“ nur die Wahrheit zu sagen, aber auch keine Wahrheit zu unterdrücken“. Auch dann, meinte Johannesson, wenn er sich dadurch unbeliebt machen werde.

Hinrichtung von Widerstandsgruppe erbarmungslos durchgewinkt

Seit 2017 ist jedoch bekannt, dass Johannesson als Konteradmiral und Befehlshaber der Nordseeküste im 2. Weltkrieg massiv gegen seinen hehren Anspruch verstoßen hat. Er hat Zeit seines Lebens verschwiegen, dass er als Gerichtsherr der Marine in der NS-Diktatur in den Endsiegterror der Nazis schuldhaft verstrickt war – selbst in seinem Nachkriegsbuch „Offizier in kritischer Zeit“.

Mitte April 1945, Schauplatz Helgoland: Drei Wochen vor Kriegsende wurde eine Widerstandgruppe von vier Soldaten und einem Bürger an die Nazi-SS verraten und zum Tode verurteilt. Die Gruppe hatte das Ziel verfolgt, die Insel vor der Bombardierung durch die Briten durch Funkkontakt mit England zu retten.

Als Seekommandant und Gerichtsherr bestätigte Admiral Johannesson die unmenschlichen Todesurteile, ohne einen Verteidiger vor Gericht zuzulassen. Er ließ sie noch am Tag der Verurteilung in Cuxhaven erschießen.  Getreu der Devise des in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilten Endsiegfanatikers Großadmiral Karl Dönitz: „Verteidigung ist nicht nötig, Hinrichtung binnen 24 Stunden.“ Der Bitte des Marinepfarrers in Cuxhaven um Aufschub der Hinrichtung hat Johannesson nicht stattgeben.

Johannesson ist kein Vorbild für die Marine

Johannessons Totschweigen dieses Vorgangs nach dem Krieg war unredlich. Also Vorbild für die Marine der Bundeswehr war er untauglich und hätte 1956 nicht in der Marine der Demokratie wiedereingestellt werden dürfen.

Heute aber steht Johannessons Büste in der Aula der ehrwürdigen Marineoffiziersschule Flensburg-Mürwik neben der des hochgeachteten ehemaligen Generalinspekteurs, Admiral Dieter Wellershoff, sowie der Büste des Korvettenkapitäns Alfred Kranzfelder. Dieser wurde als Widerständler nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hingerichtet.

Als General a.D. Wolfgang Altenburg, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr und später oberster General der NATO in Brüssel, von der Büste in der Aula in Mürwik erfuhr, äußerte er sich empört über die Geschichtsvergessenheit der heutigen Marineführung. Altenburg war bei Kriegsschluss als 16-Jähriger Marinehelfer in Helgoland. Er war befreundet mit einem der erschossenen Soldaten, also Zeuge aller Vorgänge. Auch er ist zu den Vorgängen von der Gestapo verhört worden.

Die Büste in Mürwik muss weg!

Nach meiner Ansicht ist es dringend erforderlich, dass Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ein geschichtswissenschaftliches, unabhängiges Gesamtgutachten der Causa Johannesson in Auftrag gibt. Dieses Gutachten sollte veröffentlicht werden. Vorrangig ist die Entfernung der Büste aus der Marineschule Mürwik.

Es darf einfach nicht sein, dass immer noch gelten soll, was Hans Filbinger, ehemaliger Marine-Oberrichter der Kriegsmarine in Oslo, Norwegen, zu seiner Verkündung und Vollstreckung von Todesurteilen gegen deutsche Soldaten bei Kriegsende gesagt haben soll: „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“

Hier geht es zur Resolution „75 Jahre nach Kriegsende – Schluss mit der Tradition um Admiral Johannesson!“

Über den Autor:
Heiko Leopold (geboren am 3.7.1938) trat 1958 als Offiziersanwärter in Glücksstadt/Elbe in die Marine ein. Zu seinen Laufbahnstationen gehörten neben der Ausbildung zum Seeoffizier in Flensburg-Mürwik die Ausbildung zum Marineflieger in Kaufbeuren sowie in den USA. Heiko Leopold wurde zudem an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese zum Admiralsstabsoffizier ausgebildet. Später war er im NATO-Hauptquartier Nord in Oslo sowie im NATO-Militärausschuss in Brüssel tätig. Beim Bundesminister der Verteidigung Hans Apel (1978 bis 1982) war Heiko Leopold Pressesprecher und Leiter des Informations- und Pressestabs. Zuletzt Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, wurde er 1992 auf eigenen Wunsch als Kapitän zur See a.D. pensioniert.

Zurück im Funkkreis: Johannesson, #Boarding20

Ich bin selbst ganz überrascht, denn hier war jetzt mehr als ein Jahr Funkstille. Aber: alles neu macht der Mai, und schließlich habe ich dieses Blog auch im Mai gestartet – vor 13 Jahren.

Zum Wiedereinstieg möchte ich  einer Debatte Raum geben, die vor allem in Kreisen der Marine geführt wird, nämlich der Frage ob und inwiefern Konteradmiral Rolf Johannesson für die Bundeswehr traditionswürdig ist oder nicht. Ich selbst habe dazu noch keine Position, sehe aber, dass sich Menschen damit engagiert und glaubwürdig befassen. Diese sollen, wenn sie möchten, auch her zu Wort kommen.

Apropos zu Wort kommen: Das dürfen auch die Teilnehmer*innen von #Boarding20, des Barcamps zur sicherheitspolitischen Kommunikation rund um maritime Themen. Das hatte ich im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Freundeskreis Seebataillon und der Hermann Ehlers Akademie in Kiel auf diie Beine gestellt. Dieses Jahr organisieren wir es wegen Corona als Online-Barcamp, und wer dabei sein will, klickt bitte auf diesen Link.

Soweit für’s erste, und ich hoffe, der nächste Beitrag kommt schneller als in einem Jahr. Glück Ab!

 

 

ADHS, oder die Anerkennungs-Defizit-Hyperaktivitäts-Strategie der Bundeswehr Nachwuchswerbung

tl;dr: Das eigentliche Publikum der Nachwuchswerbung der Bundeswehr sind die eigenen Soldatinnen und Soldaten. Die Anerkennung, die Politik und Gesellschaft ihnen nicht in ausreichendem Maße geben, holen sie sich über die werbliche Inszenierung ihres Tuns.

Die Bundeswehr wirbt mit provokanten Aktionen um Nachwuchs, zuletzt vor den Werken der Automobilhersteller Ford und Volkswagen. Angesichts der Umstände ist plausibel, dass nicht die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das eigentliche Publikum dieser Aktivitäten ist. Aber wer dann?

Einiges spricht dafür, dass Auftritte wie die aktuellen sowie der bei der Internet-Konferenz re:publica im Jahr 2018 vor allem dazu dienen, mediale Erregung auszulösen. Das Kernpublikum wäre damit die allgemeine Öffentlichkeit. Das Ziel: Die Bundeswehr ins Gespräch bringen. Nun ist es aber nicht so, dass zu wenig über die Bundeswehr gesprochen würde. Im Gegenteil: Rüstungsmisere, Berateraffäre, Nachwuchsmangel, rechtradikale Umtriebe, sexuelle Belästigung – es gibt kaum ein Aufregerthema, bei dem die Bundeswehr NICHT von Interesse ist. Gleichzeitig, oder besser: trotzdem, ist die Bundeswehr nach wie vor einer der attraktivsten Arbeitgeber für Schülerinnen und Schüler. Im trendence Schülerbarometer 2018 belegt sie hinter der Polizei und adidas den dritten Platz. Die Beliebtheit ist nicht neu. Vor allem ist sie älter als die mit neuem Schwung vor drei Jahren gestartete Nachwuchswerbung der Bundeswehr. Die hat zwar auch einige messbare Effekte wie Likes und Follower auf Facebook, YouTube, Instagram etc. sowie Klicks auf die Rekrutiewrungswebseite erzielt, aber dennoch bin ich mir sicher, dass es noch eine zweite Kernzielgruppe dieser Werbung gibt, über die bislang nur wenig gesprochen wurde. Das sind die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr.

Wie die Werbung bei diesen wirkt, lässt sich anekdotisch auf den Social-Media-Profilen zweier in dieser Gruppe prominenter Soldaten beobachten. Das sind zum einen Johannes Clair, ehemaliger Fallschirmjäger, der mit „Vier Tage im November“ ein sehr lesenswertes Buch über seine Kampferfahrungen in Afghanistan geschrieben hat. Zum anderen Marcel Bohnert, ebenfalls Afghanistan-Veteran, und derzeit für die Nachwuchswerbung mitverantwortlich. Wer die Wirkung der aktuellen sowie vergangener Aktionen der Nachwuchswerbung in die Truppe hinein bewerten will, sollte sich das Facebook-Profil von Clair, vor allem aber den Instagram-Account von Bohnert aufmerksam ansehen. In den Einträgen zu den Kommunikationsmaßnahmen gibt es unverfälschte Einblicke in die Soldatenseele, die von einer fundamentalen „Wir-gegen-die“-Haltung durchzogen sind.

Dieses „Wir-gegen-die“ hat viele Facetten, das Muster aber ist immer gleich: „Wir Soldaten gegen …“
… „die Politiker“ (Laschet, von der Leyen, Merkel, Roth etc.)
… „die Manager“ (Ford, VW, Rüstungsindustrie etc.)
… „die Gewerkschaften“
… „die Medien“
… „die Gutmenschen“ (re:publica etc.)

Ein weiterer anekdotischer Eindruck: Je jünger, je geringerer der Status (Dienstgrad/Bildung) und je näher an der Truppe die Kommentierenden sind, umso höher die Zustimmung zu den Provokationen. Und bevor sich jemand aufregt: Nein, das heißt nicht, dass jeder, der die Aktion gut findet, doof ist, sondern verweist eher auf ein gewisses Ohnmachtsgefühl der Befürworter.

Die Hypothese, die ich daraus ableite ist: Vielen Soldatinnen und Soldaten fehlt die Anerkennung für ihren Dienst, und vor allem fehlt ihnen die Anerkennung derer, von denen sie sich am meisten wünschen: der Gesellschaft und der Politik. So unempathisch sich der ehemalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière auch inszenierte, mit seiner Diagnose, die Soldatinnen und Soldaten sollten nicht nach Anerkennung gieren, hat er ein tieferes Verständnis für die Gefühlslage der Truppe offenbart, als dieser lieb sein kann.

Die kommunikative Reaktion darauf nenne ich die Anerkennungs-Defizit-Hyperaktivitäts-Strategie der Bundeswehrnachwuchswerbung.
Weil insbesondere die politische Führung den Soldatinnen und Soldaten nicht genug Anerkennung zu Teil werden lässt, ja, gar nicht kann, weil diese nie genug davon bekommen können, begeistern sie sich dafür, wenn angesichts der teilweise traurigen Realität und der kritischen Berichterstattung zumindest in der Werbung ein positives Bild gezeichnet wird. Die Inszenierung von Grundausbildung, Mali-Einsatz, Fallschirmspingerlehrgang, KSK oder Einzelkämpferausbildung zeichnet Idealbilder davon, was Soldaten tun. Wer diese Ausbildungen absolviert hat oder im Einsatz war, dem helfen sie, ein, zwar geschöntes, aber eben nicht ganz falsches Bild davon zu vermitteln, wie es  wirklich war, zumindest gefühlt. Vorbilder wie Marcel Bohnert und Johannes Clair werden in diesem Kontext zu Ein-Mann-Anerkennungsmaschinen für die, die sich nicht genug gelobt fühlen. Genau dieses Anerkennungs-Defizit bereedert die Nachwuchswerbung auf hyperaktiven Art und Weise. Kein Kanal, der nicht bespielt bespielt wird, eine Serie jagt die andere, provokante Aktionen drehen weiter an der Erregungsspirale.

Und obwohl ich dafür sogar ein gewisses Maß an Verständnis habe, halte ich sie mit Blick auf Aktionen wie in Köln und Wolfsburg für falsch. Ich bin in den zwölf Jahren meiner Dienstzeit sehr oft – ob in Uniform oder in zivil – unter Menschen gewesen, die sich nicht die Bohne dafür interessiert haben, was ich meinte, für sie geleistet zu haben. Nur: ich habe das den Menschen nicht zum Vorwurf gemacht, denn irgendwann wird man halt erwachsen und lernt, dass es die höchste Form der Anerkennung ist, dass sich Menschen eben nicht für Militär und Krieg interessieren, sondern einfach ihr Ding machen. Die kommunikativen Provokationen führen außerdem nicht dazu, die Kluft zwischen Soldatinnen und Soldaten zu überbrücken, sondern vergrößern sie. Es ist einer der vornehmsten Führungsaufgaben, das zu verhindern, und genau daran scheitert die politische Führung. Sie hat es nicht geschafft, eine überzeugende Erzählung von einer starken Bundeswehr zu etablieren, die solche Kinkerlitzchen wie bei Ford nicht nötig hat. Stattdessen lässt sie durch die Nachwuchswerbung Bilder und Geschichten produzieren, die nicht ausschließlich den Nachwuchs ansprechen, sondern die emotional zu kurz gekommenen in der Truppe. Die Ironie an der Sache: Für diese Werbung und die damit erzeugte Anerkennung ist diejenige verantwortlich, die viele der Soldatinnen und Soldaten für den vermeintlichen Niedergang der Bundeswehr verantwortlich machen: Ursula von der Leyen.

Mit großer Macht kommt große Verantwortung

Die Bundeswehr sucht Personal. Dringend. Mancher sagt sogar: verzweifelt. Nach dem Aussetzen der Wehrpflicht hat die Truppe deshalb die Investitionen in die Nachwuchswerbung deutlich erhöht. Auf (fast) allen Kanälen versuchen die Werber den Dienst in den Streitkräften attraktiv zu machen. Dabei setzen sie auch auf unkonventionelle Maßnahmen – und treten dabei regelmäßig in den Fettnapf. Ob bei der Internet-Konferenz re:publica, der Spielemesse Gamescom oder jüngst vor den Werkstoren von Ford und Volkswagen, das Kernpublikum und vor allem die Verantwortlichen der jeweiligen Veranstaltungen, zeigten sich, nun ja, nicht wirklich begeistert.

Nun lässt sich über Geschmack bekanntermaßen trefflich streiten. Weil das aber in der Regel nicht über die Verfestigung der eigenen Meinung hinausweist, möchte ich kurz die kommunikative Mechanik hinter diesen Aktionen beleuchten. Dann werden nämlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich, die helfen können, die jeweiligen Reaktionen besser zu verstehen.

In allen drei Fällen setzt die Bundeswehr auf Provokation. Das ist einfach, das ist billig, und die Aufregung im medialen Wassserglas ist Teil des Kalküls, wenn nicht sogar das vorrangige Ziel. Daraus ergeben sich gleich drei Probleme.

Erstens: Provokation nutzt sich ab. Wer ständig hier, hier, hier schreit, den nimmt das Publikum irgendwann nicht mehr ernst. Die Folge: man schreit lauter. Damit wächst die Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen.

Zweitens: Man instrumentalisiert Menschen. Wenn von vorneherein die mediale Wirkung das eigentliche Ziel ist, sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Veranstaltungen nicht das Publikum der Kommunikation sondern bilden nur den Resonanzraum. Wer behauptet, Menschen erreichen zu wollen, muss aber mit ihnen sprechen, nicht über sie. (Eine Forderung, die übrigens Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr zu Recht immer wieder erheben, zuletzt anlässlich des umstrittenen Antrags der Berliner SPD, die Bundeswehr de facto aus dem schulischen Kontext auszuschließen).

Drittens: Der Ton macht die Musik. Eine große, wenn nicht gar die größte Kunst in der Kommunikation ist es, den richtigen Ton zu treffen. Ein Großteil unserer Wahrnehmung läuft unbewusst ab. Wir sind Meister darin, Dinge zwischen den Zeilen wahrzunehmen. Sie wirken, ohne dass wir immer sofort verstehen, warum. Zur Angemessenheit gehört dabei auch immer Respekt.

Wie wirken diese drei Faktoren nun angesichts der aktuellen Aktion in Köln?

Die Provokation hat gewirkt – allerdings hat sie nicht nur mediale Aufregung ausgelöst, sondern kritische Stimmen von Menschen, die der Bundeswehr grundsätzlich wohlgesonnen sind. Das kann bzw. sollte nicht die Wirkunsgabsicht sein.

Die Instrumentalisierung ist deutlich geworden. Nicht die Menschen, die um ihren Arbeitsplatz fürchten, waren das Publikum, sondern die Beobachter des Dramas. Wäre es der Bundeswehr um die Menschen im Werk gegangen, hätte sie die Bitte des Personalchefs respektiert, auf diese Werbung zu verzichten und wäre stattdessen in konstruktive Gespräch gegangen, von denen die Öffentlichkeit zunächst nichts mitbekommen hätte. Um wieviel wirkungsvoller und positiver wäre eine Geschichte gewesen, bei der die Bundeswehr Menschen eine Perspektive gibt? Und: wenn die Bundeswehr bereit ist, für ein bisschen Fame die Ford-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu instrumentalisieren, wie weit geht sie dann mit ihren eigenen?

Es fehlt den Nachwuchswerbern der Bundeswehr an Respekt. Wer, wie in Köln, mit dem Logo eines Unternehmens spielt, das weltweit mehr als 200.000 Menschen beschäftigt (oder im Fall von VW mehr als 600.000), beschädigt auch sich selbst. Was als Guerillataktik für AdBuster angemessen ist, ist es für den Goliath Bundeswehr nicht, zumal man sich selbst gerade um sein Corporate Design bemüht. Auch die unsesnsible Nutzung des Claims „Mach, was wirklich zählt.“ ist in diesem Kontext völlig unangemessen, denn es relativiert die Lebensleistung der Mitarbeiterinnnen und Mitarbeiter der Ford-Werke.

Warum handelt die Bundeswsehr also trotzdem so? Meine Spekulation: Die Erfolge in der Nachwuchswerbung, für die die Bundeswehr zu Recht einige Kommunikationspreise gewonnen hat, haben dazu geführt, dass den Verantwortlichen ein Korrektiv fehlt. Sie sind von ihren Erfolgen besoffen. Es fehlt ihnen an Führung. Und weil sich bislang im Bendler-Block niemand dafür v erantwortlich fühlt, diese den jungen Kommunikations-Padawanen angedeihen zu lassen, habe ich hier mal ein Weiterbildungsvideo herausgesucht. Vielleicht schafft es es ja in die Morgenlage.

60 Jahre Jugendoffiziere – Ein Kommentar

Der Deutsche Bundeswehrverband hatte mich anlässlich des Jubiläums 60 Jahre Jugendoffiziere gebeten, einen Kommentar zu schreiben. Es wurde ein kritischer Blick auf eine Institution, die ich sehr schätze.

Systematisch vernachlässigt

Die Jugendoffiziere der Bundeswehr sind eine weltweit einmalige Institution. 60 Jahre nach ihrer Gründung stecken sie in ihrer größten Krise. Es ist Zeit für einen Neustart.

„Ich will, dass die Bundeswehr in den sicherheitspolitischen Debatten stärker wahrgenommen wird als bisher“, sagt Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr. In einem Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ im August 2018 geht der oberste Soldat der Bundeswehr sogar noch weiter und kündigt an: „Ich will mich in den sozialen Medien äußern.“ Noch ist von Zorn dort nichts zu
sehen. Mit seiner Forderung nach einer informierten öffentlichen Diskussion ist er aber nicht allein. Doch davon sind wir weit entfernt. Noch prägen vor allem die Berichterstattung über Ausrüstungsmängel, Beraterverträge und Personalsorgen das Bild von der Bundeswehr. Für positive Bilder sorgen derzeit fast ausschließlich die Nachwuchswerber der Truppe. Mit professioneller Unterstützung einer Werbeagentur bespielen sie die gesamte Klaviatur der modernen Medienkanäle. Ob YouTube, Facebook, Snapchat oder Instagram – Serien wie „Die Rekruten“, „Biwak“ oder „Mali“ kann man kaum entkommen. Allein von einer fundierten sicherheitspolitischen Debatte, initiiert durch das Verteidigungsministerium, keine Spur. Nicht in den klassischen Medien, nicht im Web.

Dabei hätten die Kommunikationsstrategen das geeignete Instrument bereits an der Hand, wenn sie es nicht in den vergangen Jahren systematisch vernachlässigt hätten. Die Rede ist – natürlich – von den Jugendoffizieren. Wer sich etwas intensiver mit dieser weltweit einmaligen Institution beschäftigt, den muss ihr Niedergang schmerzen. 60 Jahre nach ihrer Gründung stecken die Jugendoffiziere in ihrer schwersten Krise. Nicht nur, dass sie in der Auseinandersetzung mit Friedensinitiativen regelmäßig als Prügelknaben herhalten müssen, weil sie angeblich unbedarfte Jugendliche zum Militärdienst verführten (was sie weder wollen noch dürfen). Nein, auch für das Ministerium selbst scheinen die Jugendoffiziere etwas zu sein, mit dem man sich nicht intensiver befassen will – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Anders ist es kaum zu erklären, dass die Bundeswehr in den vergangenen Jahren quasi sämtliche Chancen verpasst hat, die Jugendoffiziere zu befähigen, eine führende Rolle in der sicherheitspolitischen Debatte zu spielen.

Das wird an mehreren Stellen deutlich. Statt die Jugendoffiziere zu einem integralen Bestandteil des Webauftritts des Verteidigungsministeriums zu machen, lässt das BMVg zu, dass seit Jahren eine selbstgebastelte, inhaltlich von einem Förderverein verantworte WordPress-Seite die offizielle Präsenz der Jugendoffiziere im Internet ist. Dort, wo Jugendliche und junge Erwachsene diskutieren, also in den sozialen Medien, sind die Jugendoffiziere erst gar nicht präsent. Seit Jahren nimmt außerdem die Zahl der Stellen zu, die nicht besetzt werden. Von den offiziell 94 Dienstposten sind seit 2013 im Schnitt immer mehr als zehn Prozent vakant. Im aktuellen Jahresbericht der Jugendoffiziere für 2017 wird diese Zahl gar nicht mehr ausgewiesen. Vermutlich aus gutem Grund. Wer sich unter Jugendoffizieren umhört, erfährt, dass derzeit nur etwas mehr als 70 Dienstposten tatsächlich besetzt sind. Und während früher der Einsatz als Jugendoffizier ein möglicher Schritt auf dem Weg in die Admirals- und Generalstabsausbildung war, teilweise sogar nach der Verwendung als Kompaniechef, waren im Jahr 2015 gerade einmal fünf Dienstposten mit Berufssoldaten besetzt.

Die mangelnde Wertschätzung ist auch finanziell zu spüren. Bis auf wenige Ausnahmen werden Jugendoffiziere nach A11 besoldet, während in den Verbänden die Stellen für Kompaniechefs und ihre Stellvertreter auf A13 und A12 aufgewertet wurden. Diese Reform hat nicht nur den Anreiz eliminiert, Jugendoffizier zu werden, sie hat auch ihre Wahrnehmung in der Truppe beschädigt. Und während bei zahlreichen aktiven Spitzenmilitärs, Zorn eingeschlossen, eine Verwendung als Jugendoffiziere in der Biographie steht, ist die Verwendung als Jugendoffizier heute kein Schritt mehr auf dem Weg an die Spitze.

Was also ist zu tun, wenn man im Ministerium der Forderung von Eberhard Zorn Taten folgen lassen will? Es ist Zeit für einen Neustart. Jugendoffiziere könnten die dringend benötigte Substanz in den Dialog mit jungen Menschen und Multiplikatoren bringen. Substanz, die der derzeit dominierenden, auf Spannung, Spiel und Abenteuer ausgerichteten Nachwuchswerbung fehlt. Im Rahmen eines ressortübergreifenden Ansatzes könnten die Jugendoffiziere sich zu echten sicherheitspolitischen Referenten weiterentwickeln, die das Konzept der vernetzten Sicherheit nicht nur erklären können, sondern ein Teil davon sind. Ein solches Verständnis könnte sogar eine eigenständige Laufbahnperspektive eröffnen, die nicht mehr nur Uniformträgern offen steht. Verbunden mit einem modernen Auftritt im Internet und aktiver Beteiligung an Debatten im Social Web, könnten die Jugendoffiziere zu einer starken, vor allem aber glaubwürdigen Stimme in der sicherheitspolitischen Debatte werden – man müsste es nur wollen.

Das PDF des Beitrages gibt es zum Herunterladen hier:
Systematisch vernachlässigt – Die Jugendoffiziere der Bundeswehr

Das gesamte Magazin mit einem Sonderteil zu 50 Jahren Jugendoffiziere können Mitglieder des Bundeswehrverbands auf dessen Webseite kostenfrei herunterladen.

Warum? – ZDF-Dokumentation zum Bundeswehreinsatz in Mali

Was machen wir eigentlich hier? – Gute Frage.

Vor wenigen Tagen haben mir die Autoren und Filmemacher Daniel Moj* und Jörg Stolpe geschrieben. Sie haben eine Dokumentation für die ZDF-Sendereihe 37 Grad gedreht und mir angeboten, noch vor der Ausstrahlung erste Ausschnitte des fertigen Film zu sehen. Ichhabe das Angebot gerne angenommen und nicht nur einen Einblick in ihre Arbeit, sondern vor allem in die Arbeit deutscher Soldaten in Mali bekommen. Einen Einblick übrigens, den die Öffentlichkeitsarbeit des Verteidigungsministeriums bislang nicht geben konnte oder wollte – schließlich nutzte man den Einsatz in der Wüste lieber als Übungsplatz und Projektionsfläche für die Nachwuchswerbung. Das ist mit Webserie und Mali-Bot sogar ganz gut gelungen, bis der Absturz eines Kampfhubschraubers und der Tod der Besatzung die Inszenierung störten. Diese, die Erzählung störenden Opfer, wurden am Rande erwähnt und dann durch einen Zeitsprung der Webserie aus dem Drehbuch geschrieben. Ganz so, wie es Hollywood macht, wenn Seriendarsteller während der Dreharbeiten sterben.

Derart tragische Ereignisse sind während der Dreharbeiten von Moj und Stolpe glücklicherweise ausgeblieben, als sie mehr als ein Jahr lang einen jungen Offizier der Gebirgsjägertruppe begleiteten, der als Zugführer mit 41 Mann nach Mali geschickt wurde. Entstanden ist ein bemerkenswert leiser Film, der außerdem – man muss sagen: endlich – auf einem Sendeplatz laufen wird, der ein größeres Publikum erreicht, als für Dokumentationen über die Bundeswehr üblich. Die werden nämlich in der Regel in der Mitternachtschiene versendet. Die Begründung dafür lautet in der Regel, dass es an Interesse beim Publikum mangeln würde, was wiederum die schlechten Quoten der Spätausstrahlungen bestätigen. Jetzt scheint das ZDF der Mut gepackt zu haben, denn das ungeliebte Thema Bundeswehr auf den Sendeplatz von 37 Grad zu heben, kann durchaus zu kontroversen Diskussionen führen. Schließlich zeigt der Sender dort vor allem Geschichten, bei denen es in alle Richtungen menschelt. Das tut es auch bei „Einsatz im Wüstensand – Ein Soldat auf Friedensmission“, und zwar gewaltig.

Mit Matthias Lehna lernen wir einen jungen Mann kennen, der so gar nicht den Klischees entspricht, die das Ministerium so gerne in der Nachwuchswerbung zeigt. Er stellt sich nicht nur die Frage nach dem Sinn, sondern spricht sie auch aus. Lehna ist nachdenklich. Er zweifelt, und er teilt diese Zweifel mit seinen Männern. Das macht ihn glaubwürdig, und als Zuschauer verstehen wir auf einmal besser, warum Soldaten und Soldatinnen bereit sind, zu dienen. Den Sinn des Einsatzes – an dem man zweifeln kann, ja muss – verkörpert in der Dokumentation Lehnas Frau. Sie, die angehende Juristin, ist schwanger als er in den Einsatz geht. Wir erfahren wenig darüber, wie sie die Zeit ohne ihn meistert. Aber ihre wenigen klugen Worte, geben nicht nur ihm sondern dem ganzen Film zusätzlichen Halt.

In diesem Sinne: Einschalten lohnt sich, am Dienstag, den 26. Juni 2018 um 22:15 im  ZDF.

* Daniel Moj ist mein Freund. Wir haben gemeinsam ab 2000 den ersten Einsatzkameratrupp der Bundeswehr aufgebaut. Meine Bewertung ist also nicht objektiv. Der Film ist trotzdem klasse 🙂

Über Anerkennung

Die kontroverse Diskussion um die re:publica und die Bundeswehr lässt mich nicht los. Angeregt durch einen Freund, habe ich auf Facebook einen Kommentar geschrieben, den ich auch hier veröffentliche. Mehr so als Tagebuch für mich, aber es mag vielleicht auch den ein oder anderen interessieren.

Schauen wir doch mal aus der Perspektive einer Soldatin oder eines Soldaten darauf, welche Anerkennung ihr oder ihm generell in der Gesellschaft zu Teil wird. Und prüfen wir mal, in wessen Verantwortung und Möglichkeit – außer uns allen – es vor allem liegt, diese zu fördern. Mir fallen dann als allerstes die Politik und das für die Bundeswehr verantwortliche Ministerium ein. Beim Blick auf die vergangenen knapp 20 Jahre – wir nehmen mal das Jahr 2001 mit dem Terorrangriff in New York als Zeitenwende und die nachfolgenden Einsätze der Bundeswehr als Zäsur – haben diese beiden Akteure eine Geschichte des dramatischen Versagens geschrieben.
 
Am deutlichsten wird das vermutlich an den Männern und Frauen, die schwer traumatisiert aus den Einsätzen zurück kamen, in die die Politik sie geschickt hat. Nicht nur, dass die Kriege aus denen sie kamen lange Jahre nicht Kriege genannt werden durften. Nein, mehr noch, für viele Jahre und selbst heute kämpfen viele von ihnen mindestens drei Kämpfe: gegen ihre Erinnerungen, gegen die Bundeswehrverwaltung um die Anerkennung ihrer seelischen Verwundung und die damit verbundene medizinische und materielle Versorgung sowie um die ideelle Anerkennung der Bevölkerung.
 
Ja, die Lage hat sich verbessert, aber sie ist lange noch nicht so, wie sie sein müsste, und immer noch geben viele diesen Kampf, der ein Kampf um ihr Leben ist für immer auf. (Wer dazu mehr wissen will, kann unter anderem Johannes Clair und Björn Schreiber befragen).
Ein Ausdruck dieser Ignoranz, nein, dieses absoluten Versagens der politischen Führung lieferte der Kommunikationschef des Verteidigungsministeriums, Jens Flosdorff, vor zwei Jahren. Auf die Frage, wann denn nun das seit fast einem Jahrzehnt versprochene Veteranenkonzept der Bundeswehr endlich verfasst und umgesetzt würde, antwortete der sinngemäß, dass dieses ja bloß eine Maßnahme zur Öffentlichkeitsarbeit für Reservisten und daher nicht dringlich sei.
 
Diese und ähnliche Aussagen kann man sich dann noch mit der Stellungnahme der Ministerin, dass die Bundeswehr ein grundsätzliches Haltungs- und Führungsproblem habe, zusammendenken (Ja, sie hat sich dafür nachträglich entschuldigt, aber der Stich ins Herz heilt halt nicht so leicht). So, und in diesem Klima ist es nun ausgerechnet eine nicht mehr ganz so kleine zivilgesellschaftliche Konferenz mit viel Herzblut unter anderem von Johnny Haeusler ins Leben gerufen, die als Punching-Ball für die fehlende Anerkennung unserer Soldatinnen und Soldaten herhalten soll? Are you fucking kidding me?

Über Kommunikation

Etwas unsortiert noch ein paar Gedanken zum Auftritt der Bundeswehr auf der re:publica (in der Bahn auf Smartphone geschrieben):

Kommunikation plant man unter zwei Prämissen.
1. Die Wirkung vom Ende her denken.
2. Die Wirkung danach definieren, was das (Ziel)Publikum fühlen, denken und tun soll.

Was hat die Bundeswehr gemessen daran erreicht? Wollte sie das erreichen? Und: darf sie das erreichen wollen?

Wenn sie wirklich an einem Dialog mit den Besucherinnen und Besuchern der re:publica interessiert gewesen wäre, hätte sie diese Linie auch trotz der Absage durchziehen müssen. Die re:publica will nicht, dass wir einen Stand aufbauen und in Uniform da rum springen? Ok, dann lassen wir das, ist ja deren Party inkl. Dresscode, aber interessant finden wir die schon, also gehen wir in zivil hin und überlegen uns etwas anderes, wie man erkennt, dass wir mit Auftrag da sind. Machen wir beim Peacekeeping schließlich auch. Leben in der Lage.

Die Demo vor der Station, vor allem aber die orchestrierte Medienkampagne, ist nicht dialogorientiert sondern auf Spaltung ausgerichtet. Das ist Kreisklasse: Wenn wir nicht mitspielen dürfen, treten wir ihnen wenigstens den Platz kaputt. Jeder, der auch nur ein bisschen etwas von Kommunikation versteht, muss wissen, dass er damit bei den Kritikern noch mehr Ablehnung auslöst und gleichzeitig die Binnensolidarität der Soldatinnen und Soldaten erhöht, inklusive der unflätigen Kommentare gegen „links-versiffte Gutmenschen.“

Wer jetzt sagt, das habe er weder geahnt noch gewollt, ist unterqualifiziert für seinen Job, denn genau das darf die Bundeswehr nicht wollen. So lustig ich das Motiv „Wir kämpfen auch dafür, dass Du gegen uns sein kannst“-Motiv nach dem Angriff auf den Showroom fand, so fehl am Platz ist er hier, denn es suggeriert, die Bundeswehr sei von der re:publica angegriffen worden. Wie dämlich ist das denn bitte?

Vier Fragen, die Du dir stellen solltest, wenn Du unbedingt in Uniform auf die re:publica gehen willst

Ich glaube, das ist mein erstes Listicle. Der Anlass ist die Diskussion darüber, warum die Bundeswehr nicht in bestimmter Form auf der Konferenz re:publica präsent sein darf. Möge es nutzen:

  1. Was ist der Sinn von Uniformen, insbesondere des Kampfanzugs, den die Soldaten vor der Station, dem Ort, an dem die re:publica stattfindet tragen?
  2. Wodurch zeichnet sich eine zivilgesellschaftliche Veranstaltung wie die re:publica aus?
  3. Auf welcher Konferenz in Deutschland treten regelmäßig Menschen aus Kriegsgebieten auf, teilweise traumatisiert?
  4. Welche Kleidung wäre für Soldaten auf einer solchen Konferenz angemessen, um Menschen möglichst wenig zu ängstigen?