Unser Zustand

Oktober 8th, 2013
Ehrenhain im Feldlager Mazar e Sharif. Hier gedenken die Soldaten ihrer in Afghanistan gefallenen Kameraden.

Ehrenhain im Feldlager Mazar e Sharif. ZDF/Alex Alfes

 

Viele werden es vermutlich schon mitbekommen haben. Heute Abend läuft im ZDF der erste Teil der Dokumentation “Unser Krieg – Kampfeinsatz in Afghanistan.”  Das ZDF hat zur Sendung eine Microsite mit zusätzlichem Material eingerichtet. Außerdem finden sich in der Mediathek einige aktuelle Berichte, die sich dem Thema Afghanistan aus unterschiedlichen Perspektiven widmen. Was auffällt ist, dass die Bundeswehr selbst dem Thema kommunikativ eher wenig Raum gibt. Sicher, das Ministerium hat einen Pressetross mit zur Übergabe des Feldlagers Kunduz genommen. Die Chance aber, das Besondere des Dienstes der Soldatinnen und Soldaten aus eben dieser soldatischen Sicht darzustellen, haben die Kommunikationsstrategen im Bendlerblock – mal wieder – verpasst.

Aber was, wenn nicht? Wenn es also Absicht ist, dem Milität im Allgemeinen und den Kämpfern im Besonderen keine Bühne zu bauen? Dann, und das sage ich fast völlig ironiefrei, war die Kommunikationstrategie der vergangenen Jahre brillant. Soldaten spielen im breiten öffentlichen Diskurs kaum eine Rolle. Verirrt sich dennoch mal ein General in eine Talkshow – nicht, dass das ein Qualitätsmerkmal wäre – kann man sicher sein, dass hinter seinem Dienstgrad ein a.D. (außer Dienst) steht. Dass wir dennoch mit und nicht nur über unsere Soldaten sprechen, ist vor allem der Verdienst einzelner Soldaten. Soldaten, die sich und ihren Kameraden mit den Veteranenverbänden eine Stimme gegeben haben. Soldaten, die das Tabuthema der Traumatisierung durch Erlebnisse im Einsatz (PTBS) an die Öffentlichkeit gebracht haben. Und Soldaten, die ihre Erinnerungen an den Einsatz am Hindukusch in unterschiedlichster Weise aufgeschrieben haben.

Und weil unser Zustand so ist, wie er ist, ist es nicht verwunderlich, dass die vielleicht einprägsamsten Worte der afghanische Vize-Verteidigungsminister Nasrullah Nasari fand, als er die Mutter eines getöteten deutschen Soldaten, Tanja Menz, ansprach und über ihn, den Stabsgefreiten Konstantin Menz sagte: “Er hat sich geopfert und mit seinem Blut ein Zeichen gesetzt. Er ist auch ein Sohn dieses Landes.”

Es solte uns zu denken geben, dass vergleichbare Worte von der politischen Führung Deutschlands bislang nicht zu hören waren.

 

 

Geschichtsvergessen

Oktober 2nd, 2013

Ein bemerkenswertes Detail der Selbstdarstellung der Bundeswehr,  beziehungsweise dessen Fehlen, hat Thomas Wiegold ausgegraben. In der offiziellen Chronologie des Afghanistaneinsatzes fehlt – zumindest auf der entsprechenden Seite der Bundeswehr – jeglicher Hinweis auf den von einem deutschen Oberst angeordneten Bombenangriff auf zwei entführte Tanklaste bei Kundus. Zufall, Absicht, Nachlässigkeit? Man weiß es nicht, aber weil die Bundeswehr das Organisationsprinzip, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut, auch in der Kommunikation professionalisiert hat, vermute ich schlichte Geschichtsvergessenheit. Zur strategischen Absicht fehlt einfach der Denkapparat, zumal in den Tiefen des Content Management Systems weiterhin beispielsweise des damaligen Leiter des Presse- und Informationsstabes, Thomas Raabe, zum “erfolgreichen Einsatz gegen Aufständische im Raum Kundus” zu finden sind.

Wie dem auch sei. Im kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft jedenfalls hat sich Kundus – nicht zuletzt durch die mediale Aufarbeitung – einen Platz gesichert. Auch die Bundesregierung hat sich nicht in die Niederungen der Geschichtsklitterung begeben. Im Gegenteil: Auf ihrer Webseite kann man die Statements von Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier nachsehen.

Wünschenswerte Wirklichkeiten, oder warum schlechte PR nur Erfolgsgeschichten erzählt

September 30th, 2013

Morgen, am 1. Oktober 2013, übernimmt die Bundeswehr offiziell einen bisher privat betriebenen Facebook-Account. Einen Teil der Geschichte, nämlich den geschönten, kann man hier auf der Webseite der Bundeswehr nachlesen. Der bisherige Betreiber des Accounts, Tobias V. (Gilt neuerdings OpSec auch für Fans? Dumm nur, dass der Klarname von Tobias Velten noch in den Suchmaschinenresultaten auftaucht.) ist im Interview voll des Lobes für die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Auf die Frage: “Wie kam die Kooperation mit der Bundeswehr zu Stande?” antwortet er pflichtgemäß: “Als die Bundeswehr selbst mit ihrem Kanal online ging, habe ich den Kontakt gesucht. Ich hatte einfach den Wunsch, meine Seite weiter zu professionalisieren. Dazu gehörte für mich auch die direkte Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Wenig später bin ich vom Social Media Team nach Berlin eingeladen worden. Bei einem ersten Treffen haben wir dann besprochen, wie wir künftig zusammenarbeiten können.”

Nun weiß ich nicht, welche Definition von “wenig später” die Bundeswehr hier zu Grunde legt. Aber die Seite “Wir.Dienen.Deutschland.” ging im Oktober 2011 online. Und mir hat der junge Mann im Mai 2011 noch etwas anderes von seinen Kontaktversuchen berichtet, unter anderem, dass er eine Antwort erhalten habe, in der ihm die Bundeswehr zwar für sein großes Engagement danke, gleichzeitig aber um Verständnis bitte, dass man sich nicht an den von ihm gewünschten Informationen beteilige könne, da er kein offizielles Medium der Bundeswehr sei. An andere Stelle habe man ihm geantwortet, dass man seine “Kooperationsanfrage” erhalten und an die zuständigen Ansprechpartner im Bundesministerium der Verteidigung weitergeleitet habe.

Das Ärgerliche: Es wäre so einfach gewesen, es besser zu machen und die Geschichte einer schwierigen Annäherung zu erzählen. Vom Engagement eines jungen Mannes, der sich unbedarft an eine Großorganisation wendet, die wiederum ebenso unbedarft versucht, ihn kleinzuverwalten, dann aber, als sie endlich erkennt, dass es dort jemanden gibt, der ausweislich der Fanzahlen deutlich besser den Geschmack des Publikums zu treffen scheint, sich öffnet, auf ihn zugeht und sich dann entscheidet: Wir machen das weiter. Das wäre echte Anerkennung gewesen. Anerkennung, die sich Tobias Velten hart erarbeitet hat, die er verdient. Die zeigt, dass ein Einzelner etwas bewegen kann, wenn er (oder sie) mit Herzblut an eine Sache geht. So ist es wieder nur doofe schlechte Ministeriums-PR geworden.

Rap-Einladung

September 9th, 2013

Keine Frage, Praktikantenraps sind in der Regel grausam. Aber das, was sich der Polizeinachwuchs Schleswig-Holstein hier zusammengereimt hat, um den Rapper Cro zu einem Konzert einzuladen, mag ich irgendwie.

Willkommen in der Blog-Familie, Tyrosize

September 8th, 2013

Der ein oder andere wird sich noch an den tanzenden Weihnachtsbaum in Kunduz erinnern. Ein Video, das auf YouTube immerhin mehr als 70.000 mal aufgerufen wurde. Verantwortlich dafür ist der Kamerad Tyrosize, gewissermaßen das Einmann-Kompetenzzentrum dafür, wie sich junge Soldaten heute selbst gerne sehen. Eine Auswahl seiner Arbeiten hat er auf seiner Webseite veröffentlicht. Außerdem ist er seit Anfang September mit einem eigenen Blog am Start. Schaut mal rein. Es lohnt sich. Aber Achtung: Erwartet keine abstrakte sicherheitspolitische oder kommunikationstheoretische Diskussion, sondern Machen – genau deshalb ist es wichtig.

Hangout on Air: Kriegsbilder – Was zeigen uns die Medien?

September 4th, 2013

Leseliste Kunduz

September 4th, 2013

Heute, am 4. September 2013, zeigt die ARD den Film “Eine mörderische Entscheidung.” In einer Mischung aus Spielfilmszenen und Zeitzeugeninterviews versucht sich Regisseur Raymund Ley an einer Rekonstruktion der Ereignisse in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2009. Diese, das kann man heute mit Gewissheit sagen, markieren einen Wendepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte, insbesondere auch in der Wahrnehmung der Bundeswehr. Die Bombardierung zweier Tanklaster, bei der bis zu 140 Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten, starben, beendete schlagartig die Erzählung der Politik von einem Stabilisierungseinsatzes, an dessen Ende ein mehr oder weniger friedlicher Staat stehen sollte. Und so falsch und ehrabschneidend der Titel des Films auch ist, es gelingt ihm, die Erzählung der Soldaten und Soldatinnen wiederzugeben, die bereits weit vor dem September 2009 täglich erlebten, dass sie im Krieg waren. Besonders eindrucksvoll zeigt sich in der fiktionalen Darstellung, welchen Zwängen, Erwartungen und Eigenlogiken Menschen in (militärischen) Großorganisationen ausgesetzt sind, aber auch, dass es Möglichkeiten gibt, diese zu hinterfragen.

Es ist daher sehr zu begrüßen, dass die ARD der notwendigen Diskussion über die Ereignisse mit der nachfolgenden Talkshow von Anne Will einen angemessen Raum gibt. Manch einer mag sich angesichts der Gästeliste bereits sein Urteil bilden, denn die Rollen scheinen klar verteilt. Überraschungen sind nicht zu erwarten. Dennoch sollte man sich den Talk anschauen, denn er wird zeigen, wie wir über die Bundeswehr reden. Deshalb ist es auch zu bedauern, dass kein aktiver Soldat auf dem Podium sitzen wird. Aber lassen wir uns überraschen.

Zur Vorbereitung erstelle ich hier eine kleine Leseliste. Die Auswahl ist rein subjektiv und ich freue mich über Ergänzungen in dem Kommentaren.

Die Kommentare und Einordnungen des Ein-Mann-Kompetenzzenrums Sicherheitspolitik Winfried Nachtwei machen eindrucksvoll die Verantwortung – vor allem aber das Schweigen – der Bundesregierung zur Entwicklung in Afghanistan deutlich.

Der Bericht des Untersuchungsausschussesist eine hervorragende Quelle, um die eigene, durch die Berichterstattung in den Medien geprägte Wahrnehmung, kritisch zu überprüfen.

ZRedInfoABw

August 21st, 2013

Ich neige mein Haupt in Demut vor den Kommunikationsgenies im Bendler-Block. Immer wenn man glaubt, es ginge nicht absurder, schaffen sie es, noch eine Schippe drauf zu legen. Thomas Wiegold hat heute die Antworten auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion zur Neuausrichtung der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr veröffentlicht. Dieser können wir nicht nur entnehmen, dass die Bundeswehr mit der Informations- und Medienzentrale über “eine hochspezifische Sonderinfrastruktur (z.B. Fernsehstudios, Radiostudios, Pressekonferenzsaal), für die es zu großen Teilen seit längerem und auch zukünftig keinen begründeten Bedarf mehr gibt”, sondern auch, dass die Bundeswehr für 153.400 Euro eine nichttechnische Studie beauftragt hat, um die adäquate technische Ausstattung für die ZRedInfoABw (Zentralredaktion der Informationsarbeit der Bundeswehr) zu ermitteln und – jetzt kommt es – “eine über die Bundeswehr hinaus fachlich anerkannte Ausbildung für Videojournalisten zu konzipieren.”

Wer jetzt ein Pfeifen im Ohr hat oder ungläubig den Kopf schüttelt, bzw. diesen gerade auf die Tischkante schlägt: You are not alone.

Die “AG Schmalfilmfreunde Bendler-Block” (Küppersbusch in Tagesschaum), die unter anderem über Jahre ein genau darauf ausgerichtetes Instrument – die Einsatzkameratrupps – am lange Arm fast verhungern ließ und keinerlei Qualität zuließ, will sich als Ausbilder gerieren? Echt jetzt. Geht sterben. Haltet die Klappe.

 

Studie “Qualität der Kommunikationsberatung”

August 16th, 2013

Am heutigen Freitag mal wieder ein Servicelink. Die Universität Leipzig hat sich in einer Studie der Qualität der Kommunikationsberatung von Agenturen in Deutschland angenommen (Das Bendler-Blog als Sonderform eines Fernlehrganges für Bundeswehrkommunikatoren auf Basis der konfrontativen Pädagogik wird davon nicht erfasst). Die Ergebnisse halte ich insofern für die Leserinnen und Leser hier interessant, als das auch in militärischen Organisationen – sowohl in der Bundeswehr als auch beispielsweise in internationalen Stäben – die Kommunikationsabteilungen selbst sehr häufig eine beratenden Funktion gegnüber Kommandeuren haben.

Hier markiert die Bewertung der Studienergebnisse durch Professor Ansgar Zerfaß ein interessantes Spannungsfeld. „Beratungsqualität hat für PR-Agenturen eine ganz hohe Bedeutung und wird klar als Wettbewerbsfaktor erkannt“, so Professor Zerfaß. „Erstaunlicherweise vertreten aber nur 11 Prozent der von uns befragten Agenturchefs vorbehaltlos die Meinung, dass die Qualität in erster Linie von den Kunden beziehungsweise Auftraggebern beurteilt werden sollte. Fast ebenso viele verlassen sich auf das eigene Urteil. Die Mehrheit orientiert sich primär an den Adressaten der Kommunikationsmaßnahmen wie Journalisten und Veranstaltungsbesuchern. Das ist zu hinterfragen. Von Dienstleistern muss man eine klare Kundenorientierung erwarten.“ Dieser Einschätzung widerspreche ich insofern, als daß nach meinem Verständnis auch bei der Kommunikation die Wirkung im Ziel entscheidend ist. Das heißt nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt, aber nach meinem Verständnis ist es eine der ureigensten Aufgaben der Kommunikationsberatung, die Vorgaben der Führung zu hinterfragen und einen eigenen, kommunikativen Beitrag zur Lösung der Aufgabenstellung zu formulieren. Das bedeutet auch, daß sich Kundenorientierung häufig im Widerspruch zum Kunden zeigen kann, eben weil die Kommunikationsberaterin sich die Position des Publikums zu eigen macht. Das hätte im konkreten Fall bei Verteidigungsminister de Maizière vielleicht zu einer sorgfältigen Wortwahl führen können. Aber lest selbst:

Qualität der Kommunikationsberatung – Studie August 2013 from University of Leipzig – Department Communication Management and Public Relations

“Eine mörderische Entscheidung” – Der Film zum Kunduz-Bombardement

August 12th, 2013

Programmtip für den 30. August (ARTE) bzw. den 4. September (ARD, mit anschließender Diskussion bei Anne Will). Der Fernsehfilm “Eine mörderische Entscheidung” will die Ereignisse zwischen April und September 2009 rekonstruieren, die schließlich zur Bombariderung zweier Tanklaster im Kunduz-Fluß führten. Mit den Presseunterlagen des NDR kann man sich schon ganz gut auf die Sendung einstimmen, der Trailer vermittel einen ersten Eindruck von der Machart des Filmes. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wobei ich mich sehr wundere, dass von offizieller Seite noch kein Protest gegen den Filmtitel zu hören war. Die Entscheidung von Klein, den Bombenabwurf zu befehlen, war unbestritten tödlich. Mörderisch war sie nicht. Es ist aber bezeichnend, dass sich bislang niemand gegen diese ehrabschneidende Formulierung verwahrt hat und sich eindeutig vor Klein gestellt hat. Vielleicht ist es aber auch verständlich, schließlich hieße das, auch das eigene Versagen einzugestehen.