Fehlbesetzungen

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Ursula von der Leyen die falschen Generäle entlässt.

Vor fünf Jahren kündigte Generalinspekteur Volker Wieker an, den Traditionserlass weiterentwickeln zu wollen. Ergebnisse: keine. Mindestens ebensolang versagt die Führungsspitze der Bundeswehr bei der Formulierung eines Veteranenkonzepts.

Diese beiden gravierenden Versäumnisse muss man zusammenlesen. Wer systematisch verhindert, dass sich eine eigenständige Traditionslinie der Bundeswehr etabliert, wer nicht in der Lage ist, zentrale Leitgedanken zum soldatischen Selbstverständnis in einer Demokratie zu formulieren und in der Truppe zu verankern, sollte anderen Raum geben, diese Lücken zu füllen.

Und wer als Ministerin einen Generalinspekteur, mit einer derart desaströsen Leistungsbilanz zweimal bittet, seine Amtszeit zu verlängern, der darf sich nicht wundern, wenn er sein Vertrauen verspielt hat.

Plötzlich re:publica

Neues von den Kommunikationsgenies im Bendlerblock (oder eher von der Abteilung Personal oder gar das super-agile Cyber Innovation Hub der Bundeswehr in Berlin?). Wie dem auch sei. Sie wollten auf der re:publica, der größten Internet-Konferenz in Deutschland wohl um Nachwuchs werben. Vermutlich kam der Termin überraschend (seit 10 Jahren immer im Mai), und so waren alle Ausstellerflächen schon ausgebucht.

Jetzt ist es ja nicht ungewöhnlich, dass die Bundeswehr zu spät kommt. Zum Verzweifeln ist aber die kommunikative Borniertheit und Engstirnigkeit. Anstatt darüber nachzudenken, wie eine Institution wie die Bundeswehr inhaltlich bei der größten zivilgesellschaftlichen Konferenz zur Digitalisierung dabei sein kann, will man stumpf Werbung machen. Und nachdem man die Konferenz zehn Jahre höflich ignoriert hat, obwohl zentrale Themen, die für die Bundeswehr relevant sind, dort diskutiert wurden, sagt man nicht erstmal guten Tag, sondern will sich mit seinem fetten Arsch gleich mitten ins Wohnzimmer setzen – so zumindest wirkt es.

Was man hätte tun können: 30 Tickets kaufen, Uniform anziehen, hingehen, sich unters Volk mischen, mit den Leuten reden. Das hätte – gerade jetzt – einen viel größeren Effekt als ein sinnloser Messestand. Übrigens: Das ginge immer noch. Die re:publica beginnt ja erst morgen. Aber die Truppe hat jetzt wichtigeres zu tun. Sie muss ihre Zimmer aufräumen.

Die vielen Bundeswehren der Ursula von der Leyen

Vorbemerkung: Dieser Text ist eine Sammlung von Gedanken. Die aktuelle Diskussion um die Bundeswehr bewegt mich mehr, als ich erwartet hätte. Gleichzeitig habe ich gerade nicht die Zeit, mich intensiv mit den zahlreichen Themen zu befassen. In diesem Sinne bitte ich um Verständnis, wenn das ein oder andere noch unausgereift ist – und freue mich über konstruktive Beiträge.

Wir haben in der Kommunikationsagentur, in der ich arbeite, einen Leitgedanken: Die Herausforderung öffentlicher Kommunikation ist die Integration unterschiedlicher Perspektiven.

Ein anderer Leitgedanke, den ich gerne nutze, um anderen – beispielsweise auch Studierenden – zu erklären, was ich beruflich mache, geht so: Ich beginne mit der Frage, ‚Was ist ein Unternehmen? Was ist eine Organisation?‘ Darauf kommen in der Regel viele richtige Antworten. Sie erfassen aber in der Regel nur selten die kommunikative Perspektive. Um diese zu erläutern benutze ich dann das folgende Bild: Unternehmen und Organisationen sind Geschichten. Diese Geschichten setzen sich aus allen Erzählungen über das Unternehmen oder die Organisation zusammen, und jeder kann dabei mitreden.

Das mag dem ein oder anderen vielleicht zu abstrakt oder verkopft klingen. Ich find es sehr lebensnah. Gerade jetzt. Denn auch die Bundeswehr ist eine Geschichte, und zwar eine, bei der die Erzählungen derzeit weit auseinander laufen. So weit, dass zahlreiche Akteure daran scheitern, die unterschiedlichen Perspektiven zu integrieren – allen voran Ursula von der Leyen und ihre Beraterinnen und Berater.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Eine einseitige Schuldzuweisung – auch an die Ministerin – wird den Problemen, vor denen die Bundeswehr steht, nicht gerecht. Mit Schwung vorgetragene Forderungen, die Ministerin müsse zurücktreten, sind Teil des politischen Spiels. Sie beantworten aber nicht die Frage, was danach geschehen soll, und vor allem nicht, was denn eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger anders machen sollte.

Um ansatzweise zu erfassen, was dort gerade – aus kommunikativer Sicht – passiert, formuliere ich die folgende Hypothese: Es gibt zu viele Bundeswehren und es fehlt eine strategische Erzählung, die diese Bundeswehren zusammen hält. Diese Bundeswehren hat die aktuelle Verteidigungsministerin nicht allein zu verantworten, aber sie muss sie führen. Dabei muss sie mit fundamentalen Problemen umgehen, die sich teilweise über Jahrzehnte entwickelt haben.

Kommunikativ interessant ist dabei, dass Ursula von der Leyen und ihre Administration sehr viele dieser Problem erstmals sichtbar gemacht hat. Das ist ein echtes Verdienst, auch wenn es natürlich ein alter politischer Trick ist, zum Auftakt einer Amtszeit vermeintlich schonungslos Bilanz zu ziehen, um sich dann dafür feiern zu lassen, dass man die Probleme in den Griff bekommen hat. Was von der Leyen vermutlich nicht ahnen konnte: Sie hat die Büchse der Pandora geöffnet – und aus der drängen immer neue Geschichten, die zeigen, wie desolat der Zustand der Bundeswehr – oder besser: der verschiedenen Bundeswehren – wirklich ist.

Genau diese Geschichten aber bekommt das Ministerium jetzt nicht mehr in den Griff. Im Gegenteil: Es scheint, als habe sich im Ministerium rund um die Ministerin ein kleiner Kreis politischer Beamter und Berater gebildet, die ihre eigene mediale Inszenierung mit der Wirklichkeit verwechseln und sich – vielleicht berauscht von ihrer nationalen Aufgabe – gegen alle anderen Erzählungen abschotten. Die vielleicht tatsächlich glauben, dass die außerordentlich erfolgreiche und gut gemachte YouTube-Serie „Die Rekruten“ einen Eindruck davon vermittelt, was es bedeutet Soldat oder Soldatin zu sein. Das zumindest würde erklären, warum der Kommunikationschef des Ministeriums, Jens Flosdorff, die Frage nach einem Veteranenkonzept der Bundeswehr lapidar damit abtut, das sei ja bloß eine Maßnahme zur Öffentlichkeitsarbeit für Reservisten und daher nicht dringlich.

Problematisch daran ist, dass er sich dabei auf vermeintliche Autoritäten verlassen kann, allen voran den Generalinspekteur der Bundeswehr. Bereits 2012 hatte Volker Wieker unter dem Titel „Soldat sein heute“ seine Leitgedanken zur Neuausrichtung der Bundeswehr veröffentlicht. Ich hatte mich damals mit dem Text auseinandergesetzt und ein Fazit formuliert, dass sich vielleicht lohnt, vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse nochmal gelesen zu werden:

Was aber, wenn genau diese geistige und sittliche Verfassung sowie das innere Gefüge der Truppe schon längst nicht mehr im Takt sind? Was, wenn das einzige, was noch in Takt wäre, der Zusammenhalt der Einheiten im Einsatz sowie die Affirmation der Generalität gegenüber der Politik wären?

Wenn das so ist – und einiges spricht dafür – müssen wir aber auch feststellen, dass nicht nur das Ministerium in seiner selbst gebauten Filterblase gefangen ist. Auch diejenigen, die die Ministerin heftig kritisieren und dabei teilweise die Grenze zur Illoyalität weit überschreiten, schaffen es nicht, über die Grenzen ihrer Welt hinaus zu denken und das Gesamtbild zu sehen. Sie tragen ihren Teil dazu bei, dass aus der einen Bundeswehr – die es eigentlich sowieso nie gab – viele Bundeswehren werden, und jeder scheint zu glauben, dass genau seine Bundeswehr die einzig richtige ist.

Im Laufe der Zeit sind so unter anderem entstanden:

  • eine Einsatz-Bundeswehr, die von der Realität in Afghanistan, in Mali, im Irak geprägt wurde, und die sich dann auch noch in eine Kampf- und Lager-Bundeswehr aufgespalten hat. Eine hohe Bedeutung hat hier die Kampf-Bundeswehr. Diese wurde mit fragwürdigem Mandat, mangelhafter Ausrüstung und unklaren Regeln in den Kampf gegen einen rücksichtslosen Feind geschickt. Und während sich vor Ort die Soldatinnen und Soldaten sehr schnell darüber im Klaren waren, dass sie im Krieg waren, wurde im politischen Berlin an der Erzählung von einer erfolgreichen Friedensmission festgehalten. Diese Erzählung brach spätestens nach dem Karfreitags-Gefecht und dem von einem deutschen Oberst befohlenen Bombenangriff auf gestohlene Tanklaster bei Kunduz zusammen.
  • eine Ausbildungs-Bundeswehr, in der vor allem Offizieranwärter abgeschottet von den Menschen, die sie später einmal führen sollen, ausgebildet werden.
  • eine Rüstungs-Bundeswehr, die nach Jahrzehnten einer rigorosen Sparpolitik und Kungelei mit der Industrie feststellen muss, dass sie strukturell und personell kaum in der Lage ist, die Truppe mit dem Gerät zu versorgen, dass diese dringend braucht.
  • eine Veteranen-Bundeswehr, in der ehemalige Soldaten der guten alten Zeit hinterher trauern.
  • usw., usf.

Wenn das, was ich skizziert habe, auch nur ansatzweise stimmt, heißt das nichts anderes, als dass der Führungsverbund der Bundeswehr zusammengebrochen ist. Denn es gibt nur noch wenig, was diese Bundeswehren zusammenhält. Unterschiedliche Bundeswehren stehen sich teilweise diametral gegenüber. Die Identifikation mit dem Beruf, die früher über Teileinheit, Einheit, Verband, Großverband, Truppengattung verlief, ist zu einer Überidentifikation mit der eigenen Perspektive geworden – auf allen Seiten. Die Bundeswehr ist in einer fundamentalen Krise, und – es gibt dazu keine Alternative – diese Krise muss von allen Beteiligten gemeinsam gelöst und von der Spitze geführt werden, oder sie wird sich weiter in ihre Einzelteile zerlegen.

Die Enttäuschung vieler Soldatinnen und Soldaten über die Pauschalkritik der Ministerin zeigt, dass die eine Bundeswehr immer noch einen geeigneten Identifikationsrahmen bietet und die Menschen sich nach dieser Identität sehnen. Wenn Ursula von der Leyen diese Menschen wirklich führen will, ist es spätestens jetzt höchste Zeit, dass sie sich auf sie zubewegt. Ein erster Schritt wäre, die Kritikfähigkeit, die sie von der Truppe fordert, auch selbst zu beweisen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie und ihre Stab dazu in der Lage sind. Aber es wäre wichtig.

 

 

Schatten und Licht

So wenig ich von der Bundeswehr-Doku-Soap-Casting-Show „Die Rekruten“ halte, so viel halte ich von der aktuellen Spezialausgabe von Y – Das Magazin der Bundeswehr. Das längst überfällige Heft gibt zentralen Themen, die das soldatische Dienen von anderen Berufen unterscheiden – dem Einsatz von Leib und Leben sowie dem Töten und Getötet werden – endlich eine angemessene Form.

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Cover Y-Magazin Spezial 2016 (Quelle: C3)

Bemerkenswert finde ich, dass die Werbekunden bei diesen Themen mitgegangen sind. Die Anzeigen wirken neben den Inhalten seltsam deplatziert. Im Kontrast zu den existentiellen Texten sind die Angebote in den Anzeigen banal. Nachdem ich davon anfangs etwas irritiert war, entsteht für mich genau daraus nun ein besonderes Spannungsverhältnis. Das Heft empfehle ich ausdrücklich – nicht nur den Rekruten.

Kanonenfutter für von der Leyens Dschungelcamp

Nun ist sie also da. „Die Rekruten“, eine exklusiv für YouTube produzierte Serie, mit der die Bundeswehr um Nachwuchs werben will. Zwölf Wochen lang begleiten Kameras junge Menschen auf dem Weg durch die Grundausbildung. Format und Plattform sind perfekt gewählt, könnte man meinen. Wenn, wie re:publica- und Tincon-Erfinder Johnny Haeusler sagt, wir derzeit die erste Generation junger Menschen erleben, deren prägender Kulturraum YouTube ist, muss man genau dort werben, wenn man will, dass die Jugend der Bundeswehr überhaupt begegnet.

Das war lange Zeit anders. Mehr als 40 Jahre lang mussten sich zumindest junge Männer mit der Frage auseinandersetzen, ob sie zum Bund gehen oder verweigern. Das führte regelmäßig zu intensiven Diskussionen im Freundeskreis und der Familie. Die Bundeswehr war präsent. Seit 2011 ist die Wehrpflicht ausgesetzt. Die Aufmerksamkeit, die der Bundeswehr früher zwangsweise zuteil wurde, muss sie sich heute teuer erkaufen.

Zu teuer, wie einige Kritiker sagen. Rund 8 Millionen Euro soll die Kampagne kosten. Interessanter Nebenaspekt für Kommunikationsexperten: knapp 80 Prozent des Budgets sind dafür vorgesehen, die Serie zu bewerben. Der Inhalt allein reicht also nicht, um sein Publikum zu erreichen. Dennoch, die Kritik an den Kosten geht an der Sache vorbei. Die Bundeswehr muss werben. Werbung kostet Geld. Und die Bundeswehr muss sich in einem medialen Umfeld durchsetzen, in dem viele weitere Akteure um Aufmerksamkeit kämpfen – mit teilweise wesentlichen höheren Budgets.

Ein weiterer Kritikpunkt – den auch ich teile – ist, dass die Serie die ernsthaften Seiten des Soldatenberufs ausspart. Für mich ist das zu viel Abenteuerspielplatz und zu wenig ernsthafte Auseinandersetzung mit den ernsten Seiten des soldatischen Dienens. Die Bilder, die wir in den ersten Folgen der Serie sehen, erinnern daher auch eher an eine Militärklamotte als an den Einstieg in eine professionelle Karriere. Nichts gegen Selbstironie, aber vor allem die Ausbilder machen es dem Betrachter schwer, zu entscheiden, ob das, was er sieht, Wirklichkeit ist oder Satire. Aber das ist nicht entscheidend, denn das ganze Format ist eine einzige Inszenierung. Die Behauptung, die Serie sei ohne Drehbuch entstanden, ist eine Lüge – nur heißt das Drehbuch in diesem Fall eben Dienstplan. Damit ist klar, wann wo eine Kamera zu stehen hatte. Und weil die Filme ohnehin im Schnitt entstehen, ist ganz klar, wer hier der verantwortliche Regisseur ist.

Genau das aber ist der eigentliche Skandal. Wer gesehen hat, wie naiv die Darsteller und ihre Angehörigen in den ersten Folgen vor der Kamera agieren und wer weiß, nach welchen Regeln das mediale Spiel läuft, muss feststellen: Die Entscheidung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, diese Serie produzieren und senden zu lassen, ist verantwortungslos. Wir sehen dabei zu, wie die Bundeswehr zwölf junge Männer und Frauen in die Medienarena treibt und sie ungeschützt dem Urteil des Publikums aussetzt. Man braucht nicht viel Phantasie, um zu wissen, dass bereits jetzt unter den Zuschauern Wetten darauf abgeschlossen werden, wer es bis zum Ende der Grundausbildung schafft oder nicht. (Nebenbei gefragt: Wer ist eigentlich Ihr Favorit?).

Wenn es also ein Format gibt, das nicht geeignet ist, für den Soldatenberuf zu werben, dann hat es die Bundeswehr mit „Die Rekruten“ gefunden. Früher oder später werden die Darsteller und Darstellerinnen merken, dass sie nicht weiter sind bzw. waren als mediales Kanonenfutter in von der Leyens Dschungelcamp. Und hoffentlich werden sich aktive und zukünftige Soldaten sehr genau überlegen, ob sie sich ebenfalls vor diesen Karren spannen lassen. Man kann ihnen nur raten, es nicht zu tun.

Servicebeitrag: European Communications Monitor 2016

Heute nur ein ganz kurzer Servicebeitrag. Wer sich darüber informieren will, welche Themen rund 21.000 professionelle europäische Kommunikatoren beschäftigt, wird in der aktuellen Ausgabe des European Communication Monitor fündig.

Ebenso spannend wie folgerichtig finde ich, welche Bedeutung die Entwicklung spezifischer Kompetenzen hat – und wie wenig sich das bisher in den Ausbldungsangeboten wiederzufinden scheint. Wie sieht es denn damit derzeit in der Bundeswehr aus? Ich freue mich auf Kommentare von Leserinnen und Lesern.

Weitere Highlights der Studie:
– 72 Prozent der Befragten glauben, dass Big Data ihre Arbeit verändern wird – aber erst ein Viertel der Organisationen gehen das Thema aktiv an.
– Nur wenige Kommunikatoren nutzen bisher die technischen Möglichkeiten, um etwa Inhalte automatisch an unterschiedliche Kanäle anzupassen.
– Die direkte Kommunikation sehen die Studienteilnehmer als wichtiger an, als die Kommunikation via Social Media.
– Sogenannte Influencer spielen eine immer größere Rolle.

Wer mehr wissen will, wird auf der Website zur Studie fündig. Die Präsentation der Ergebnisse habe ich hier eingebunden.

Außer Spesen nichts gewesen?

Der Präsident des Reservistenverbandes, Roderich Kiesewetter, ist zurückgetreten. Angeblicher Rücktrittsgrund: zu hohe Ausgaben für eine Veranstaltung in Berlin. Die Details dazu finden sich auf Augen Geradeaus!. Aus Kommunikationssicht interessant ist, ob der Grund auch der wahre Grund oder nur der Anlass sind. Die Ausführungen von Kiesewetter verschleiern nämlich eher mehr als sie offenbaren. Ein erfahrener Politiker muss, unabhängig davon ob er in Details eingeweiht ist, oder nicht, wissen, dass die kolportierten Kosten angemessen sind. Das lässt sich auch dadurch nicht entschuldigen, dass er in seiner aktiven Dienstzeit bei der Verpflegung von Gästen nur zwischen Kaltgetränk rot oder gelb entscheiden durfte (und nicht, wie etwa seine französischen Kameraden zwischen Entrecôte und Filet).

Was also steckt wirklich hinter dem Rücktritt? Sind es Richtungskämpfe im Verband? Druck aus der eigenen Partei? Hat ihm gar jemand ein Ultimatum gestellt und er musste sich entscheiden, ob er lieber Un- oder Mitwissender bei zweifelhaften Vorgängen gelten will? Wie dem auch sei. Es ist unglaubwürdig, dass dort außer Spesen nichts gewesen sein soll. Da kommt noch mehr. Der Rücktritt ist damit so oder so folgerichtig – aber auch menschlich bedauerlich.

Content-Kopierer in St. Augustin und andernorts?

Twitter spült einhem ja manchmal seltsame Dinge in die Timeline. So meldete heute morgen die mir bis dahin unbekante „German Defense Industry“, dass sie nun online sei. In den Mentions die üblichen Verdächtigen in diesem Themenfeld.

Das macht natürlich neugierig, also schnell mal auf die Startseite geklickt. Erster Eindruck: Eine weitere Abspielstation für die Propaganda Pressearbeit der Rüstungsindustrie. Braucht es das wirklich? Ok, Ekel überwunden, mal schauen, was es über die Marine zu erfahren gibt. „Teil des Teams – Finnische Boarding-Soldaten auf der „Frankfurt am Main“. Klingt interessant. Ist es auch. Aber nicht wegen des Inhaltes, sondern weil es diesen Inhalt noch einmal gibt – und zwar auf der Webseite Einsatz Bundeswehr. Nur: Auf der Seite von German Defense Industry findet sich dazu keine Wort und schon gar keine Quellenangabe. Nur in der Headline ist der Begriff „Muster“ vorangestellt. Ob das der Autor des Textes, Achim Winkler, und die Bundeswehr wissen?

Ok, zweite Stichprobe. „MNKdo Operative Führung: Auftrag erfüllt – Ulmer Kommando zurück von JODY 16“ Hier wird immerhin ein Autor genannt: „erstellt von Oberstleutnant Harald Kammerbauer, Pressestabsoffizier Multinationales Kommando Operative Führung“ und die Bilder sind mit einer Quellenangabe versehen. Allerdings ist der Text nicht komplett identisch mit dem, der im April auf der Webseite der Streitkräftebasis erschienen ist. Also, mal eine Phrase herausgepickt und Google angeworfen. Siehe da. Man wird bei ulm-news fündig. Der Text entspricht eins zu eins dem auf der Seite der GDI. Bei ulm-news fehlen aber einige Pasasagen und Quellenangaben gibt es auch keine, auch nicht zu den Fotos, die eindeutig von der Bundeswehr stammen. Und: dort heißt der Autor „Ralf Grimminger.“ Der ist laut Impressum aber Redaktionsleiter und nicht nebenbei Pressestabsoffizier der Bundeswehr. Das wirft Fragen auf, beispielsweise:

– Haben die ulm-news ein PR-Stück der Bundeswehr, geschrieben von einem Pressestabsoffizier, übernommen, ohne das zu kennzeichnen?
– Hat die German Defense Industry das Stück übernommen, aber seinem ursprünglichen Autor zugeordnet? Oder hat der Autor seinen eigenen Beitrag im Auftrag der German Defense Industry überarbeitet und sich dabei der ulm-news bedient? Weiß die Bundeswehr davon? Hat sie es beauftragt?

Menschen mit Hang zu Verschwörungstheorien würden sich vermutlich fragen, ob die Bundeswehr gemeinsam mit der Rüstungsindustrie und Verlagen ein verstecktes Content-Marketing-Netzwerk betreibt, um die Medien zu unterwandern. Frei nach der Lebensweisheit von Hanlons Rasiermesser dürfte aber im Zweifelsfall gelten, dass auch hier niemand Böswilligkeit vermuten muss, denn Unfähigkeit reicht als Erklärung völlig aus.

Unklar íst mir allerdings, wessen mangelnde Professionalität hier welchen Beitrag leistet. Auf jeden Fall sollten sich die involvierten Akteure beeilen, Transparenz herzustellen. Ohne Blechschaden dürften sie aus der Sache aber nicht herauskommen. Das gilt insbesondere für die beiden beteiligten Verlage.

Für die German Defense Industry heißt es leider: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Worauf immer Ihr stolz sein wollt: diese Webseite bietet dazu keinen Anlass. Bei den ulm-news sollten sie sich dringend mit dem Thema Quellenangaben beschäften. Und auf Seiten des Presse- und Informationsstabes der Bundeswehr besteht vermutlich Nachholbedarf in Sachen digitales Monitoring, Durchsetzung von Urheberrechten (bei den Afghanistan-Papieren hat das ja auch, nun ja, geklappt) und eventuell auch in der Schulung des eigenen Personals in Sachen lokaler (Online)Pressearbeit, denn aus dem Nichts haben sich die ulm-news den Text dann vermutlich nicht geschnappt.

Und wie man es auch drehen und wenden mag: Der Gesamteindruck ist fatal. Wenn man sich vorstellt, die Rüstungsindustrie, die Bundeswehr und die ihr nahestehenden Verlage, gingen so mit ihren Waffensystemen um, wie mit der Kommunikation – dann hätten wir ja das reinste Rüstungschaos …

Jugendoffiziere der Bundeswehr – wenn die Marke sich selbst im Weg steht

Ein spannendes (Kommunikations)Thema haben die Kollegen bei Streitkräfte und Strategien aufgegriffen. Die Jugendoffiziere der Bundeswehr wollen nicht mehr so heißen. Deshalb haben sie sich auf die Suche nach einem neuen Begriff gemacht und unter anderem „Offizier für Öffentlichkeitsarbeit“ oder „Referent für Sicherheitspolitik“ in die Diskussion geworfen. Beides überzeugte die Entscheider im Verteidigungsministerium wohl nicht. Aber wie das so ist in der neuen Kommunikationswelt – kontroverse Themen lassen sich nicht mehr so leicht unter dem Deckel halten. Nun haben die Jugendoffiziere die Debatte über die Bande des Beirats Innere Führung und den NDR in eine breitere Öffentlichkeit getragen. So ganz falsch ist die Bezeichung „Offizier für Öffentlichkeitsarbeit“ also nicht.

Die Befürworter einer Umbenennung argumentieren:

  • Jugendoffiziere stünden wegen des Begriffs im Verdacht, Nachwuchswerbung zu betreiben
  • die Bezeichnung suggeriere, dass es sich bei ihnen um „Junior“-Offiziere handele
  • Ihr Aufgabenbereich habe sich deutlich über den Rahmen der sicherheitspolitischen Bildungsarbeit an Schulen auf weitere Multiplikatoren erweitert.

Die Argumente sind stimmig, aber sie sind nicht neu. Zwar haben die Jugendoffiziere ihre Position mit Umfragen bei ihren Zielgruppen unterstützt, aber die neuen Vorschläge sind nicht wirklich überzeugend. Denn gegen eine Umbenennung spricht, dass „Jugendoffizier“ eine wirklich starke Marke ist. Und die Assoziationen, insbesondere mit Blick auf das Thema Nachwuchsgewinnung, sind eigentlich sogar erfreulich. Nicht, weil die Jugendoffiziere junge Menschen unmittelbar anwerben, sondern weil sie diese anregen, sich mit Fragen der Sicherheitspolitik zu befassen. Damit bilden die Jugendoffiziere in der vernetzten Medienwelt einen wichtigen inhaltichen Kontaktpunkt, den die Bundeswehr nicht ohne Not aufgeben sollte. Dort, wo andere Marken, mit viel Geld versuchen, nicht direkt für ihr Produkt zu werben, sondern Relevanz in einem Themenfeld aufzubauen – im Marketingsprech nennt sich das heute „Content Marketing“ – ist die Bundeswehr bereits etabliert. Das erkennen sie Befürworter einer Umbenennung vielleicht nicht, aber sich kommunikativ selbst im Weg zu stehen, hat bei der Bundeswehr ja eine gewisse Tradition.

Was man hingegen tatsächlich verändern könnte, wäre, die Aufgaben der Jugendoffiziere wieder auf den Handlungsraum Schule, Berufsschule und ggf. Hochschule zu fokussieren und – wie es Winfried Nachtwei im Interview vorschlägt – die außen- und sicherheitspolitische Bildungsarbeit im Sinne des Konzeptes der vernetzten Sicherheit als ressortübergreifende Aufgabe neu zu denken. Diejeningen, die diese Aufgaben dann seitens der Bundeswehr wahrnehmen, müssen aber nicht mehr Jugendoffizier heißen.

Veranstaltungstipp: Symposium „Gemeinsam gegen salafistische Internet-Propaganda“ am 16. April in Berlin

Es ist in letzter Zeit ja sehr ruhig hier im Blog, und das, obwohl da draußen in der Welt sich die Ereignisse überstürzen. Es gibt also vieles, über das sich zu schreiben lohnte, aber leider fehlt mir die Zeit. Ein Grund ist, neben meiner Hauptarbeit, dass ich mit einem meiner Herzensthemen, der Auseinandersetzung mit terroristischer Propaganda im Netz, in den vergangenen Monaten bei verschiedenen Veranstaltungen zu Gast sein durfte. Diese fanden in der Regel in geschlossenen Kreisen statt. Nun aber hat mich der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen für Samstag, den 16. April 2016 zu einem Symposium nach Berlin eingeladen.

Unter dem Titel „Gemeinsam gegen salafistische Internet-Propaganda“ soll das Thema in Vorträgen und Workshops aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Außerdem möchten die Initiatoren ein paar der in der On- und Offline-Welt aktiven Menschen miteinander vernetzen und bestenfalls auch Handlungen anstoßen, die präventiv wirken. Details zum Programm finden sich in dem PDF, dass ich hier eingebunden habe und auf der Webseite zum Symposium.

Wer Lust und Interesse hat, dabei zu sein, kann sich bis zum 11. April 2016 anmelden, un dzwar mit einer E-Mail mit den folgenden Angaben an symposium@lv-bund.nrw.de:
• Vorname, Name,
• ggf. Medium, Organisation, Institution oder Behörde,
• Straße, Postleitzahl, Ort,
• E-Mail-Adresse,
• Nummer des Workshops, für den Sie sich interessieren.

Meinen Beitrag zum Symposium habe ich „Terror-Pop – Die Medienstrategie des Islamischen Staates“ überschrieben. Dabei wil ich aus meiner Perspektive als Kommunikationsberater darüber sprechen, warum die Propaganda des IS so wirksam ist und warum die Gegenpropaganda des Westens bislang noch kein wirkliches Gegenmittel gefunden hat. Ein paar der Gedanken dazu habe ich im vergangenen Jahr im PR-Blogger veröffentlicht. Der Text wiederum ist eine Weiterentwicklung des Vortrages, den Thomas Wiegold und ich im Mai 2015 auf der re:publica gehalten haben. Wer mag, kann sich diesen gerne hier noch mal ansehen.

Ich glaube bzw. fürchte, das Thema wird uns noch einige Zeit erhalten bleiben. In diesem Sinne: Wir sehen uns.