Wie man es auch dreht und wendet: Die öffentliche Diskussion funktioniert über Symbole und läuft über Medien. Entscheidend für die Bewertung von Ereignissen durch die Öffentlichkeit ist damit die mediale Wirklichkeit. Das ist keine neue Erkenntnis. Umso überraschender sind deshalb Vorwürfe, dass sich diejenigen, die sich an dieser Diskussion beteiligen, Schreibtischstrategen seien, die von ihrem warmen Büro aus Dinge bewerteten. So geschehen in einer Pressekonferenz des Bundesverteidigungsministeriums. Doch das sind Kleinigkeiten.
Groß ist dagegen das quasi völlige Versagen der obersten politischen und militärischen Führung der Bundeswehr, das in der Bombardierung der beiden von den Taliban geraubten Tanklastwagen in der Nähe von Kunduz quasi kulminiert. Um das Ausmaß des Scheiterns zu ermessen, bedarf es einer gründlicheren Aufarbeitung der Ereignisse in Kunduz und des nunmehr 8 Jahre währenden Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr, als hier möglich ist. Dennoch: Zwei Schlaglichter sollen an dieser Stelle genügen, um die Unfähigkeit oder den Unwillen der Verantwortlichen zu beleuchten:
1. Die Bombardierung war unnötig und ist das Ergebnis fehlender Aufklärung, falscher Taktik und unzureichender Ausrüstung
a) Fehlende Aufklärung
Die Bundeswehr ist seit rund 8 Jahren in Afghanistan im Einsatz. In dieser Zeit ist es ihr nicht gelungen, dringend benötigte Aufklärungsstrukturen aufzubauen und das entsprechende Wissen den Einsatzkräften verfügbar zu machen, wie der viel diskutierte Erfahrungsbericht des 17. Einsatzkontingentes zeigt. So fehlt es beispielsweise sowohl an HUMINT-Fähigkeiten als auch an einem brauchbaren “Kontingent-Gedächtnis.” Das bedeutet nichts anderes, als dass die Soldaten im Einsatz eigentlich nicht wissen, was sie tun und damit auf zweifelhafte Zuträger angewiesen ist.
b) Falsche Taktik
Unabhängig davon ob Zivilisten getötet wurden, dürfte es jedem infanteristisch ausgebildeten Soldaten schwer fallen, zu verstehen, warum es nötig sein soll, zwei Tanklastwagen zu bombardieren, um zu verhindern, dass der Gegner sie nutzen kann. Glaubt man den Berichten, waren die Fahrzeuge aufgeklärt, bewegten sich nicht allzu schnell und waren darüber hinaus bereits durch den Kunduz-Fluss aufgehalten worden. Ein gezielter Beschuss durch MG 3 auf die Zugmaschinen hätte diese hinreichend gelähmt. Der Entscheidung zur Bombardierung dürfte jedoch eine Abwägung vorangegangen sein, die eigenen Kräfte nicht zu gefährden. Das ist prinzipiell richtig, hätte jedoch gemäß der Direktive des neuen ISAF-Kommandeurs Stanley McChrystal, dazu führen müssen, auch eine Gefährdung von Zivilisten auszuschließen. Das ist offenkundig nicht geschehen. Dieser Fehler ist jedoch weniger den taktischen Aufklärungskräften vor Ort anzulasten - diese haben vermutlich durch ihre Nachtsichtgeräte nicht mehr gesehen als zahlreiche Personen und diese als Feindkräfte bewertet - als, s.o., das Ergebnis einer insgesamt unzureichenden strategischen Aufklärung, die die Truppe erst in die Lage versetzt hätte, das Geschehen vor Ort differenziert zu bewerten.
c) Unzureichende Ausrüstung
Zugegeben, es ist Spekulation, aber hätte die Bundeswehr eigene nachtkampffähige Hubschrauber vor Ort, hätte sie, um die Tanklaster aus der Ferne zu bekämpfen, keine Luftunterstützung durch ISAF-Flächenflugzeuge anfordern müssen. Wie präzise bspw. Apache wirken können, zeigen zahlreiche im Netz zu findende Videos.
Um es unmissverständlich zu sagen: Meine persönliche Solidarität gilt den Soldaten im Einsatz. Die Verantwortung für die Defizite liegt in Berlin.
2. Die Kommunikationspolitik der Bundesregierung ist unprofessionell und gefährdet die Legitimation des Einsatzes
Die beharrliche Weigerung des Verteidigungsministers die Realität des Einsatzes anzuerkennen hat die Kluft zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit in der deutschen Öffentlichkeit dramatisch vergrößert. Dabei geht es nicht um die Wortklauberei, ob man den Einsatz Krieg nennt oder nicht. Allerdings war und ist “robust” nicht der angemessene Begriff, um deutlich zu machen, was es bedeutet, dass die Bundeswehr schon länger im Kampfeinsatz ist.
Die Überforderung der Kommunikationsverantwortlichen zeigt sich unter anderem an der Reaktion auf die aktuellen Ereignisse (siehe hierzu auch bei Thomas Wiegold). Sie ist zu spät, sie ist unzureichend, und sie ist inhaltlich falsch. Vermutlich hat Jungs oberster Kommunikationsberater mal in einem Storytelling-Seminar für Anfänger gelernt, dass man in der Krise ein Gegenbild erzeugen sollte, um eine alternative Lesart der Ereignisse zu ermöglichen. Dieses Bild ist derzeit die angebliche Gefährdung der deutschen Soldaten, wenn sich die Taliban des Tanklastzüge bemächtigt hätten. Es ist - insbesondere für ein militärisch vorgebildetes Publikum - ein schwaches Bild. Es wird umso schwächer, je aktiver ISAF selbst eine defensive Haltung einnimmt.
Die Bombardierung der beiden Tanklastzüge ist eine Ikone des Versagens. Selbst wenn es zahlreiche Gründe dafür gibt, den Einsatz in Afghanistan fortzusetzen - die Unfähigkeit der politischen Führung ist der beste Grund, den sofortigen Abzug zu fordern, denn sowohl durch die unzureichende materielle und personelle Ausstattung als auch die Defizite in der Vermittlung des Einsatzes gefährdet sie dessen Legitimation und - schlimmer noch - die Soldatinnen und Soldaten.