Still gesessen!

Das Schöne an öffentlicher Kommunikation ist ja, dass sie uns ganz ohne Wikileaks zeigt, wer wir wirklich sind. Heute kehrt mal wieder die BILD ihr innerstes nach außen und zeigt auf ihrer Titelseite statt der üblichen Wichsvorlage die Frau des Bundesministers der Verteidigung. Passend zum Sujet verfällt die BILD in den Befehlston und ruft uns noch denkenden Menschen zu: „Einfach mal die Klappe halten!“ Sie hätte auch „Hirn ausschalten!“ befehlen können. Als ehemaliger Fallschirmjäger weiß ich, dass das manchmal wirklich sehr hilfreich sein kann. Wenn es aber darum geht, sich ernsthaft mit dem Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch zu befassen, wäre nichts schädlicher.

In a nutshell: Der Ministerbesuch nebst Gattin und Hofnarr ist eine geniale Kommunikationsleistung. Ich hätte es genau so gemacht, aber – da hat Gabriel recht – ich hätte auch die Katzenberger mitgenommen (oder wen auch immer sich die Soldaten im Einsatz per Voting gewünscht hätten).

Dazu, die Leistungen der Soldatinnen und Soldaten anzuerkennen, gehört aber auch, sie zunächst wahrzunehmen. Die „Nörgler, Neider, Niederschreiber“ tun genau das, kompensieren aber durch ihr Nörgeln, Neiden, Niederschreiben ihr schlechtes Gewissen, dass sie im achten Jahr des Einsatzes immer noch keine dauerhafte Präsenz am Hindukusch zeigen, sondern sich vor allem aus warmen Hauptstadtbüros äußern. Ihnen jetzt jedoch den Mund verbieten zu wollen ist anmaßend, denn noch hat zu Guttenberg nicht gezeigt – oder zeigen können – dass der Anerkennung auch Taten folgen, beispielsweise bei der nicht nur symbolischen sondern materiellen Anerkennung von verwundeten und traumatisierten Soldaten.

Nun ist klar, dass sich zu Guttenberg durch sein Handeln auch Machtpotentiale sichern will, um die in Teilen zynische und menschenfeindliche Wehrverwaltung auf links drehen zu können. Das wird ihm aber mit Kampagnenjournalismus á la Bild allein nicht gelingen. Hier wird er kritische Journalisten brauchen, die vom Geschäft etwas mehr verstehen als den Unterleib. In diesem Sinne wäre die Bild gut beraten, jetzt mal selbst die Klappe zu halten.

6 Gedanken zu “Still gesessen!

  1. Guter Beitrag!

    TV Shows aus dem Einsatzland sind bei unseren Verbündeten auch möglich und durchaus in Ordnung. Das im Hintergrund die Landesflagge weht, wird man in Deutschland kaum erleben. Dazu ist man hier ja nicht in der Lage. Ich befürworte Guttenberg als Minister, weil er in meinen Augen einen guten Job macht – was ihn von dem Großteil seiner Vorgänger grandios unterscheidet. Seine Frau, die selbst nunmal alles andere als unumstritten ist, mit nach AFG zu nehmen, halte ich jedoch für eine schlechte Idee. Sowohl aus politischer wie auch aus PR-Sicht. Was manche Oppositionspolitiker z.B. Gabriel anschließend abgesondert haben, war dann aber auch unterste Schublade und hat Guttenberg eine gute Vorlage gegeben, um die (vielleicht berechtigte) Kritik nicht ernst nehmen zu müssen.

  2. Ich finde, Gabriel hat genau das Richtige gesagt, zumindest aus soldatischer Perspektive. Da ist mir die Katzenberger oder sonstwer aus dem Playboy – FHM Line-up lieber als eine „Untouchable“. Der Besuch des Clean Sex-Couples am Hindukusch hat etwas von Mami und Papi, die ungefragt ins Zimmer kommen und dich mit der Hand untzer der Decke erwischen.

    Der eigentliche Fehler der Freifrau ist meines Erachtens nicht der Flug nach Kundus, sondern die Art und Weise ihres Engagements für Innocence in Danger, vor allem bei Tatort Internet. Damit hat sie ihrem Handeln eine sexuelle Konnotation gegeben, die es nicht haben sollte. Diese Schmierigkeit wird sie nicht so leicht los.

  3. Vorweg: Ich hätte nichts dagegen, wenn deutsche Promis sich in AFG sehen lassen. Ich fand auch z.B. Clemens Schicks „Theater“ eine ganz tolle Sache.

    Auch wenn ich Frau Katzenberger nicht viel abgewinnen kann, hätte ich nichts gegen ihren Besuch, wenn den Soldaten sowas Spaß machen würde.

    Truppenunterhaltung halte ich grundsätzlich für sinnvoll und angebracht.

    Ich empfand Gabriels Reaktion allerdings als völlig unangebracht und infantil. Das ist mein Eindruck.

    Ich gebe Dir übrigens Recht mit deiner Einschätzung zu Frau Guttenberg. Das ist aber ein entscheidender Punkt. In Punkto Glaubwürdigkeit und Seriösität hat sie sich damit ins Abseits gestellt. Auch in Hinblick auf das Image eine möglichen zukünftigen Kanzlergattin ist das alles andere als wünschenswert.

    Es wäre definitiv besser gewesen, wäre sie zu Hause geblieben.

  4. Na ja, so lange Tattoo-Bräute aus der Drogerie zur ersten Frau im Staate werden können, sollten Jugendsünden erlaubt sein. Und dass der Adel von den Segnungen der Demokratie profitiert, finde ich passend.

  5. Die heutige Titelseite fand ich ebenfalls mehr als anmaßend.

    Ich sehe die zuGuttenbergs nun allerdings auch in der Pflicht, der vielfach kritisierten Inszenierung auch ein Ergebnis folgen zu lassen. Ansonsten wäre Frau zu Guttenberg nicht mehr, als eine Gefechtsfeldtouristin.

    Unbenommen davon: sich im Haupteinsatz der Bundeswehr im Zwei-Monatsrythmus blicken zu lassen geht weit über das Lesen eines Kontingentberichts hinaus – das befürworte ich uneingeschränkt, sofern der Wehrbeauftragte dann im kommenden Jahresbericht auch sagen kann, dass Mängel aus dem Vorjahr abgestellt wurden.

    Meine persönliche Skepsis bleibt, bis sich belastbar positive Auswirkungen für die Soldaten im Einsatz zeigen. Frau zuGuttenberg darf sich gerne in den Dienst von Familienbetreuungszentren stellen oder als Schirmherrin für Verbände und Hilfsinitiativen verdingen.

    Abgerechnet wird dann am Ende der (vollen!) Amtszeit.

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