Kommunikation und Zeit

Einer der unschätzbaren Vorteile der Beobachterposition im Vergleich zu denen, die in einer professionellen Rolle handeln müssen, ist die Möglichkeit, den Blick abwenden zu können. Das habe ich in den vergangenen Wochen getan, und es tat gut. Tut es noch immer, denn es ergeben sich weitere Vorteile.

Nicht täglich auf einen Gegenstand seines Interesses zu schauen,verbessert die Sicht darauf, ob und was sich verändert hat. Nicht am Gegenstand selbst – denn nicht nur ist das Wesentliche für die Augen unsichtbar (Saint-Exupéry) -, auch kann man Organisation und also auch die Bundeswehr nicht sehen (wer das vertiefen möchte, dem sei unter anderem dieser Aufsatz von Siegfried J. Schmidt zur Unternehmenskultur empfohlen, aber Vorsicht, es ist wirklich sehr wissenschaftflich. Systemtheorie eben.). Beobachten kann man sie gleichwohl, beispielsweise in dem man verfolgt, wie sie sich äußern und was über sie gesagt wird.

In den vergangenen Wochen:

– hat die Bundeswehr die ikonische Wende (iconic turn) nachvollzogen und begonnen, sich aktiv ein Bild von sich selbst zu machen. Der Bundeswehr-eigene You-Tube-Kanal ist nicht nur ein ausgezeichnetes Objekt, dessen Filme und Betrieb plausible Rückschlüsse auf das Wesen der Organisation zulassen – langsam, selbstbezüglich, unsicher, kontrollwütig (um nur einige Charakteristika zu nennen -, sondern hat sich gleichzeitig als Kristallisationspunkt teilweise wütender Beschimpfungen etabliert. Kaum ein zweites Forum – vielleicht von den Leserkommentaren auf Bild und Welt Online abgesehen – ermöglicht einen dearart präzisen Blick auf unsere Gesellschaft. Und bisher fast 5.000 Abonnenten sind ein wirklicher Erfolg.

– hat das vermeintlich aufklärerische Projekt Wikileaks genutzt, um mein Vertrauen sowohl in die Fähigkeiten als auch das Unvermögen des deutschen und amerikanischen Militärs und seiner politischen Führung zu stärken. Wenn selbst der Spiegel keinen Skandal konstruieren kann, sondern im Wesentlichen bestätigt, dass die von den Verteidigungsministerien verbreiteten Informationen richtig sind, weiß ich, dass wir in der sicherheitspolitischen Community über das Richtige reden und dass die Soldaten im Einsatz über diesen redlich berichten (und Wikileaks vielleicht doch ein Projekt des ameriknaischen Geheimdienstes;-)).

Der eigentliche Skandal aber bleibt die Kommunikationspolitik des deutschen Verteidigungsministeriums unter Jung. Es ist gut, dass die Herren Raabe, Wichert und Schneiderhan ausgeschieden sind (und das meint nicht die Menschen, die kenne ich – im Gegensatz zu anderen unmittelbar Betroffenen – nicht, sondern ihr Agieren in ihren professionellen Rollen.).

–  hat es das Time Magazine geschafft, dem Krieg in Afghanistan ein Gesicht zu geben. (Ein Gesicht, dass den meisten anderen Kriegen auf dieser Welt fehlt, weshalb es uns leichter fällt, sie zu ignorieren).

– hat Karl-Theodor zu Guttenberg den längst überfälligen Abschied des Pflichtwehrdienstes eingeläutet, und den vermeintlichen Experten der anderen Parteien Gelegenheit gegeben, zu zeigen, dass sie für ihre Aufgabe nicht überqualifiziert sind.

– ist mit Sicherheitshalber.net ein neues Blog mit viel Schwung gestartet (aber schin wieder etwas eingeschlafen?)

– hat sich Thomas Wiegold vom Focus verabschiedet und Augen Geradeaus! reaktiviert. Endlich.

– und Boris Barschow so viele gute neue Sachen gemacht und gestartet, dass er hoffentlich bald seinen Leserkreis verzehnfacht.

Darüber hinaus gibt es erste Ansätze der Bundesregierung, die Leistungen der deutschen Staatsbürger in Afghanistan anzuerkennen – als animierte Präsentation. Zwar zeigt dieses Kommunikat vor allem, wie wenig angemessen die Regierung mit dem Thema umzugehen in der Lage ist, aber so ist es halt.

Was möglich ist, zeigt weiterhin die New York Times mit ihrem multimedialen Feature „A Year at War„. Darin unter anderem zu sehen, Bilder eines Schützenpanzer Marder im scharfen Schuß (nach etwa einer Minute und vierzig Sekunden). Welches deutsche Medium nimmt sich mal bitte des Themas in ähnlicher Weise an?

Ach ja, ich bin zurück, und bitte alle, die sich gewundert, geärgert oder gefreut haben, weil hier Funkstille war, zu entschuldigen, dass ich das nicht „kommuniziert“ habe. Das Video dazu: The Boys are Back in Town von Thin Lizzy. Rock on.

2 Gedanken zu “Kommunikation und Zeit

  1. Freut mich zu lesen, dass sie die Beobachtung 2. Ordnung zu schätzen wissen. Und dass der Blog zurück ist..

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