Warum wir kämpfen

Während des Zweiten Weltkrieges drehte das US-Militär unter dem Titel „Why we fight“ eine Serie von Propagandafilmen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Why_We_Fight) In der historischen Rückschau erscheinen Machart und Erfolg fraglich. Dennoch ist die im Titel der Serie implizierte Frage mit Blick auf den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und der NATO aktueller denn je, umso mehr als dass die meisten verantwortlichen Politiker in Deutschland sie bislang nicht beantworten. Selbst die Gegner des Einsatzes finden kaum überzeugende Argumente für ihre Position. Statt einer substantiellen Auseinandersetzung über das, was konkret zu tun ist, und warum es zu tun ist, mäandert die Debatte auf einer abstrakten Ebene herum und kommt über simple „Nein“-„Doch“-Rhetorik kaum hinaus.

Ein Musterbeispiel für diese Art des Disputs liefern der Philosoph Richard David und der CDU-Politiker Ruprecht Polenz. Precht behauptet – ähnlich wie zuvor schon Martin Walser in seinem „Feigheit vor dem Volk“ überschriebenen Essay im Spiegel (leider nicht online), der Einsatz in Afghanistan sei völkerrechtswidrig. Polenz entgegnet, dem sei nicht so(http://www.ruprecht-polenz.de/index.php?ka=1&ska=1&idn=748), und hat dabei den entsprechenden Beschluß des Bundesverfassungsgerichtes auf seiner Seite. Die eigentlich nötige inhaltliche Tiefe, die nötig wäre, um zu einem aufgeklärten Urteil zu kommen, erreichend beide nicht. Das mag an der Konstruktionslogik der medialen Darstellung liegen. Die Debatte in anderen am Afghanistan-Einsatz beteiligten Ländern zeigt aber, dass auch die moderne Mediengesellschaft Tiefe nichtnur verträgt, sondern braucht.

Die Feigheit der Intellektuellen

Prechts Text, in dem er einen Aufstand der Intellektuellen und den sofortigen Abzug der deutschen Soldaten fordert, ist im Kern ein Plädoyer für eine Abkopplung Deutschlands von der Welt und von der Geschichte. In dem er das Deutschland des Jahres 2009 quasi zur Insel der Glückseligen erklärt, auf die wir uns nur zurückzuziehen brauchten, um den Status Quo unbedroht von der Welt da draussen zu erhalten, vertritt er einen Politikansatz irgendwo zwischen „splendid isolation“ und utopischer Nichteinmischung à la Star Trek. Dabei liegt er mit der Diagnose „Feigheit vor dem Volk“ gar nicht so falsch. Diese ist allerdings nicht nur den Politikern zu attestieren, sondern auch den Philosophen selbst. Nun mag es bei Precht so sein, dass er seine Popularität im Buchmarkt mit inhaltlicher Kompetenz in unterschiedlichen Themen verwechselt, aber eigentlich wäre es in der Tat wünschenswert, dass sich deutsche Intellektuelle nachhaltig mit der Rolle Deutschlands in der Welt auseinandersetzen und sich tatsächlich die Kompetenzen erwerben, die ihnen auch international wieder Gehör verschaffen könnten. Precht tut das explizit nicht. Ja, er schafft es noch nicht einmal, sich in die Rolle der Individuen – Soldaten wie Zivilisten – zu versetzen, die den Kampf in Afghanistan nicht nur aus den Medien kennen. Täte er es, müsste er zu einem anderen Urteil kommen oder zumindest konstatieren, dass ein Abzug der internationalen Truppen quasi zwangsläufig das Exil oder den Tod sehr vieler Menschen bedeutete, die ihm intellektuell nahe stehen. Der Einsatz in Afghanistan ist also auch ein Kampf um die Freiheit der Philosophen. Einen Kampf, den zu führen, Precht zu feige ist, denn er bedeutet auch, den Menschen in Deutschland nicht nur nach dem Munde zu reden oder sie in ihrer Gefühlslage abzuholen (dass kann Precht), sondern nachhaltig an der politischen Willensbildung auch gegen die öffentliche Meinung zu arbeiten.

Strategische Kultur

Es ist der Imperativ der Aufklärung, der in dieser Forderung durchscheint. Eine Forderung, die universell gelten und gegen Widerstände – also teilweise mit Gewalt – durchgesetzt werden muss. Die Gewalt jedoch kann nur ein Mittel zum Zweck sein, und über den Zweck müssen wir uns verständigen. Aber – und hier spiegelt die Debatte quasi den philosophischen Streit – dazu bedarf es einer strategischen Kultur, in der unter anderem Interessen klar benannt werden. Diese Kultur fehlt. Aktuelle Einwürfe des ehemaligen Verteidigungsministers Rühe im aktuellen Spiegel sowie von Ulrich Weisser, Leiter des Planungsstabes der Bundeswehr von 1992 bis 1998, in der Frankfurter Rundschau (http://fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1882737&), sind denn auch eher ein halbherziges, persönlich motiviertes Nachtreten, nachdem es vor vier Jahren nicht geklappt hat die Posten des Verteidigungsministers sowie des Leiters des Planungsstabes mit etwas mehr Kompetenz zu besetzen. Ob dahinter echtes Interesse besteht, die Debatte zu beeinflussen, wird sich daran zeigen, ob beide auch nach der Bundestagswahl darum kämpfen das Thema auf der Agenda zu halten – von Klaeden allein wird das nicht schaffen. Und dass der Ein-Mann-Think-Tank Winfried Nachtwei aus dem kommenden Bundestag ausscheiden wird, macht die Sache nicht besser. Ein auch nur annähernd mit dessen aktueller Bestandsaufnahme vergleichbarer Bericht von Bundesregierung/ Verteidigungsministerium http://www.nachtwei.de/index.php/articles/899 ist nicht zu finden.

Die Zivilgesellschaft stärken

Das vermutlich entscheidende Kriterium, an dem sich die zukünftige Bundesregierung jedoch wird messen lassen müssen, wird sein, ob und wie sie willens und in der Lage ist, die zivilgesellschaftlichen Akteure in Afghanistan zu stärken und vor allem zu schützen. Aktuelle Korrespondentenberichte wie die von Can Merey, dpa (u.a. zu lesen bei Thomas Wiegold: http://wiegold.focus.de/augen_geradeaus/2009/08/blue-on-blue-afghanistaneinsatz-im-wahlkampf-.html sowie im aktuellen Spiegel und Stern) lassen daran massiv zweifeln. Nicht der Tod deutscher Soldatinnen und Soldaten gefährdet die Legitimation des Einsatzes, sondern die fortwährende Bedrohung der Menschen, die ein anderes, moderneres Afghanistan wollen und die Unfähigkeit der deutschen Soldaten, diese zu schützen. Im achten Jahr des Einsatzes scheint es der Bundeswehr immer noch nicht gelungen zu sein, die geeigneten nachrichtendienstlichen Kanäle zu etablieren, um solche Übergriffe zu verhindern bzw. zu verfolgen. Bei kritischer Betrachtung all dessen überwiegt vor allem ein Eindruck: Halbherzigkeit überall. Und vielleicht ist es die fehlende Antwort auf die Frage, warum wir kämpfen sollen, dass wir auch nicht wissen, wie wir kämpfen sollen.

2 Gedanken zu “Warum wir kämpfen

  1. Halbherzigkeit bringt es genau auf den Punkt. Die Schwächen der Taliban werden einfach nicht konsequent genutzt. Die Soldaten im Einsatz wissen sehr genau, warum sie dort sind. Leider fehlt ihnen ein passendes Sprachrohr.

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