Das Einsatzführungskommando spricht

Wie berichtet, beantwortet das Bundesverteidigungsministerium keine Anfragen von Bloggern. Eine mögliche Antwort auf die Frage, ob und warum Soldaten sich nicht am NATO-Videowettbewerb „Why Afghanistan Matters“ teilnehmen dürfen, gab Leser Dingeldong in den Kommentaren zum oben verlinkten Artikel zum Umgang der Bundeswehr mit Social Media:

„Deutschen Einsatzsoldaten ist es gemäß Täglicher Weisung des Einsatzführungskommandos Bw untersagt, an diesem Wettbewerb teilzunehmen.“

Und in der Tat, diese Information es trifft zu, dass sich deutsche Soldaten nicht beteiligen sollen bzw. können, sagt Oberstleutnant Jörg Langer, u.a. Sprecher für die International Security Assistance Force (ISAF) in Afghanistan im Einsatzführungskommando, der im Unterschied zu seinen Kameraden im Verteidigungsministerium auch mit Bloggern spricht. Ergänzung vom 29.7.: Zwar gäbe es keine tägliche Weisung, aber zum einen beteilige sich das Einsatzführungskommando nicht an dem von der NATO ausgeschriebenen Wettbewerb, zum anderen sei es den Soldaten untersagt, außerhalb des Feldlagers Fotos zu machen und Videos zu drehen. Damit sei es ihnen auch nicht möglich, am Wettbewerb teilzunehmen.

Als Gründe für die Entscheidung des Einsatzführungskommandos, den Soldatinnen und Soldaten die Teilnahme am Wettbewerb Aufnahmen außerhalb der Camos zu untersagen, nennt Langer vor allem Sicherheitsbedenken. Zum einen wolle man, dass die Soldaten sich voll auf ihren Einsatz konzentrieren und nicht gleichzeitig daran denken, ob dabei nun gute Bilder herauskommen. Zum anderen hat das Einsatzführungskommando Bedenken, dass entsprechende Bilder unkontrolliert verbreitet werden, vor allem, wenn sie sicherheitsrelevante Informationen transportierten.

Bemerkenswert ist daran zweierlei: Das Einsatzführungskommando bezieht eine klare Position (die ich verstehe, aber nicht teile), auf Basis nachvollziehbarer Gründe (Achtung: Es geht hier nichts ums Rechthaben). Und es spricht mit Bloggern. Beides finde ich gut und richtig.

Inhaltlich bin ich dagegen immer noch im Dissens, allerdings nicht mit dem Einsatzführungskommando. Dieses hat im Rahmen seiner Aufgaben eine eindeutige Perspektive entwickelt, aus der heraus es seine Entscheidungen trifft. Im Gespräch verweist Oberstleutnant Langer zu Recht darauf, dass übergreifende, grundsätzlich Entscheidungen jedoch ganz klar durch das Verteidigungsministerium getroffen werden müssen.

Eine diese Grundsatzentscheidungen wäre, mit Hilfe der Medien, die der Bundeswehr selbst  zur Verfügung stehen, ein realistischeres Bild der Einsätze zu zeichnen, als das bisher der Fall war. Positive Ansätze sind zu erkennen. Sei es mit dem Format „Forum Besucherdienst“, den „Einsatzvideos der Woche“, oder den Beiträgen von bwtv (trotz einiger redaktioneller und handwerklicher Schwächen). Auch der Neustart von „Y“ ist vielversprechend. Betrachtet man sich jedoch die Aktivitäten andere Nationen, ist hier noch deutlich Luft nach oben – insbesondere beim Einsatz von bewegten Bildern.

Letzteres könnte durchaus auch im Interesse des Einsatzführungskommandos sein. Die Flut an Berichten über die Operationen von Briten, US-Amerikanern, Niederländern, Schweden, etc.  entfaltet mehrfach Wirkung. Zum einen ist kaum nachzuvollziehen, wo nun was passiert ist – die Sicherheit wird nicht gefährdet, im Gegenteil, der Gegner eher getäuscht, oder im Falle der Apache-Videos sogar nachhaltig verunsichert – und die Bevölkerung in den Entsendestaaten hat die Möglichkeit, sich im wahrsten Sinne des Worte ein Bild zu machen. In diesem Sinne kann die Aufforderung an die verantwortlichen Entscheidungsträger im Verteidgungsministerium nur heißen: Geben Sie Gedanken- und Ausdrucksfreiheit.

3 Gedanken zu “Das Einsatzführungskommando spricht

  1. „Letzteres könnte durchaus auch im Interesse des Einsatzführungskommandos sein. Die Flut an Berichten über die Operationen von Briten, US-Amerikanern, Niederländern, Schweden, etc. entfaltet mehrfach Wirkung“.

    Es kann hier auch noch ein anderer Effekt in die Überlegungen mit einfließen: Durch die offensichtlich umfangreichere Bewegtbildberichterstattung über Operationen von Briten, Franzosen, Niederländern, US-Amerikaner, … und den Mangel an Bewegtbildern bzgl. der deutschen Soldaten in ähnlichen Situationen, könnte bei dem einen oder anderen deutschen ISAF-Soldaten der Eindruck entstehen, dass die Leistungen der ausländischen Kameraden in den elektronischen Medien (auch in den deutschen) stärker gewürdigt werden (wertneutral) als die eigenen. Die Reflexion der eigenen Leistung über die Medienberichterstattung im Fernsehen (medial konstruierte Wirklichkeit!) kann bestimmte Effekte induzieren, einschließlich des Selbstwertgefühls der Soldaten (reine Hypothese, da empirisch nicht überprüft. Wäre aber mal eine interessante Studie).
    Dadurch, dass sich einige der deutschen ISAF-Soldaten und ihr reales (mittlerweile auch durch Kampfeinsätze geprägtes) Einsatzumfeld in der (deutschen) Fernsehberichterstattung nicht oder nur unzureichend wiederfinden (und wir wissen durch die Wahrnehmungspsychologie, dass Bilder eine stärkere Wirkung haben als Text und ihnen daher u.U. auch eine größere Bedeutung durch den Rezipienten beigemessen werden), könnten diese Soldaten Kompensation über selbstproduzierte Videos suchen, die sie dann (unkontrolliert) über Social Media Plattformen wie YouTube oder Soldatenglück einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen (auch nur reine Hypothese).

  2. @MDU
    Interessante Gedanken. Ich habe aber subjektiv den Eindruck, dass Briten, Amerikaner, Niederländer, Dänen etc. auch im Verhältnis zur jeweiligen Bevölkerungsgröße bei YouTube wesentlich präsenter mit selbstproduzierten Videos sind, die häufig auch Kampfgeschehen zeigen.

    Aus einen Erfahrungen kann ich aber auch bestätigen, dass einige deutsche Soldaten sich tatsächlich nur unzureichend gewürdigt fühlen und teilweise sehr professionell gestaltete Videos produziert haben, die meines Wissens aber nicht auf YouTube verfügbar sind. Außerhalb der Lager darf ja nicht gefilmt werden, und man würde bei einer Veröffentlichung ja offen ein Dienstvergehen zugeben.

  3. @Wachtmeister
    Wie der ZDF-Beitrag von Uli Gack zeigt, wird dieses Dienstvergehen aber billigend in Kauf genommen. Auch die Nazgul-Videos der Heeresflieger sind ja weiterhin verfügbar. Insofern böte die Überarbeitung der Vorschriften durch das BMVg dem Einsatzführungskommando sicher die Gelegenheit, die eigene Position zu überdenken und im Sinne des Auftrages sowie der Soldaten neu zu interpretieren.

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