Bundeswehr im Einsatz – eine abstrakte Debatte

Titelseite Wir Gutkrieger

Eric Chauvistré ist ein kluger Beobachter der sicherheitspolitischen Debatte in Deutschland. Das beweist er unter anderem in seinen Kommentaren für die tageszeitung. In seinem Anfang März veröffentlichten Buch „Wir Gutkrieger“ versucht Chauvistré darzulegen, warum die Bundeswehr seiner Einschätzung nach im Ausland scheitern wird.

Nun gibt es sehr viele Gründe, warum dies tatsächlich so sein könnte, und die Diskussion um die Auslandseinsätze der Bundeswehr ist aktueller denn je. Dennoch greift Chauvistrés Argumentation zu kurz, denn er beschränkt sich darauf, den öffentlichen – und damit im Kern den medialen – Diskurs der vergangenen Jahre zu referieren. Das gelingt ihm gut, und er verdient sich für seine Zusammenfassung eine uneingeschränkte Leseempfehlung für ein bislang eher oberflächlich interessiertes Publikum, dass jetzt etwas tiefer einsteigen möchte. Um aber wirklich zu überzeugen, fehlen Chauvistré mindestens zwei Perspektiven. Das sind zum einen der Einblick in das Land und seine Mensch, den unter anderem Susanne Koelbl und Olaf Ihlau in ihrem Buch „Geliebtes, dunkles Land“ eindrucksvoll vermitteln, und zum anderen die Binnenperspektive der Bundeswehr.

Letzteres ist Chauvistré nicht anzulasten. Im Grunde genommen gibt es nämlich bislang bis auf einige sehr wenige Zeitungsartikel keine überzeugende Darstellung dazu, wie die deutschen Soldatinnen und Soldaten ihren Einsatz in Afghanistan erleben. („Kabul, ich komme wieder“ von Boris Barschow ist dafür zu sehr aus der profesionellen Rolle des Journalisten verfasst, „Endstation Kabul“ von Achim Wohlgethan etwas zu sensationalistisch und darüber hinaus, hat sich die Situation in Afghanistan mittlerweile grundlegend verändert). „Wir Gutkrieger“ dagegen beschränkt sich auf einen abstrakt-wissenschaftlichen Blick. Dieser ist als solcher durchaus interessant. Aber nicht etwa, weil er Erhellendes zur Leistungsfähigkeit oder gar inneren Verfasstheit der Bundeswehr bietet, sondern weil es genau dieser distanzierte Ton ist, der die bundesdeutsche Debatte prägt, und der sich in zahllosen Stellungnahmen von Instituten, Experten und auch Politikern findet.

Die Distanz zum eigentlichen Gegenstand der Betrachtung wird unter anderem auch an der Quellenauswahl deutlich. So zeigt die Montage der deutschen Berichterstattung gegen offizielle Dokumente des US-Militärs (Airpower Summaries) zwar einen feinen Sinn für Ironie, es bleibt aber eine Beschränkung auf öffentlich zugänglich Quellen, eine Beobachtung zweiter Ordnung im besten Sinne. Dass man auch aus dieser Distanz Wichtiges erkennen kann, lässt sich nicht bestreiten, und Chauvistrés Forderung nach einer grundsätzlichen Debatte über den Ziele und Zwecke der Einsätze der Bundeswehr kann man nicht genug Nachdruck verleihen. Allerdings sollte diese Forderung nicht allein aus den rhetorischen Defiziten der politischen, militärischen und medialen Akteure in Deutschland begründet werden, sondern aus der Integration der unterschiedlichen Perspektive. Dazu gehört zwingend das soldatische Erleben. Denn wenn Chauvistré – zu Recht sorgenvoll – prognostiziert, dass die Personalrekrutierung der Bundeswehr Gefahr läuft, zu einer Auswahl der Geringqualifizierten zu werden, reicht es nicht aus, an Resentiments zu appellieren – dann müssen lebendige Geschichten her.

Stattdessen formuliert Chauvistré einen 10-Punkte-Katalog, in dem er festhält, was seiner Auffassung nach zu tun ist:

1. Es gelte anzuerkennen, dass Deutschland im Krieg sei.

2. Es gelte anzuerkennen, dass sich das Bild von Kriegen und Konflikten grundlegend verändert habe. (Neue Kriege)

3. Es gelte, sich von moralischer Überheblichkeit zu verabschieden. (Wir, die Guten, Amerikaner die Bösen)

4. Die deutsche Politik dürfe sich nicht länger hinter äußeren Zwängen verstecken.

5. Es müsse über die Effektivität militärischer Einsätze debattiert werden.

6. Es bedürfe einer besseren Informiertheit der Öffentlichkeit.

7. Jede Mission der Bundeswehr müsse evaluiert werden.

8. Mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen von dauerhaften Auslandseinsätzen müsse ehrlich umgegangen werden.

9. Die Debatte müsse mit mehr Bescheidenheit und Demut geführt werden.

10. Die Beweislast für die Erfolgsaussichten militärischer Einsätze müsse umgekehrt werden. (Also nicht die Skeptiker müssten beweisen, dass die Einsätze ihre Ziele nicht erreichten, sondern die Befürworter müssten beweisen, dass sie es doch tun.)

Diese Forderungen sind eigentlich in allen Politikfeldern richtig. Statt eines neuen Wirkstoffs für die Debatte präsentiert Chauvistré also ein politisches Generikapräparat. Eigentlich bemerkenswert ist daher, dass diese Selbstverständlichkeiten nicht erfüllt sind. Die Verantwortung dafür tragen die Bundesregierung und das Verteidigungsministerium ebenso wie die Parlamentarier (und in Teilen auch die militärische Elite). Vielleicht ist der eigentliche Verdienst von Chauvistré darauf erneut hinzuweisen. In seiner Distanziertheit ist sein Buch jedoch auch Teil des Problems, das es – bisweilen sehr zutreffend – zu beschreiben versucht.

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